Rentenpolitik

Kindermissbrauch mit Zahlen

Die Bertelsmann-Stiftung hat eine neue Studie vorgestellt. Demnach müssen heute 13-Jährige später erheblich mehr in die Rentenkasse einzahlen als sie später herausbekommen. Klingt dramatisch, ist es aber nicht

Kinderlose  haben sich vermutlich heute kaum aus dem Haus getraut. Ich auch nicht. 77.000 Euro müssen Dreizehnjährige mehr in die Rente einzahlen, als sie herausbekommen. Um mich durch die Rente zu bringen. Und das mir, die vom Balkon auf den Hof einer Oberschule sehen kann, wo sie in den Pausen herumrennen. Ich bin kurz davor, ihnen Kippen zuzuwerfen. Jungs, Mädels, fangt an zu rauchen! Dann schmilzt der Abstand zu den 77.000  Euro und ich fühle mich nicht so schuldig!

Im Ernst: Dass, was die Bertelsmann-Stiftung mit ihrer neuen Studie betreibt, scheint eine ganz besondere Form von Kindermissbrauch und Kinderlosenbeschimpfung via Zahlen zu sein. Soll ich jetzt froh sein, dass ich so ein armes Ding gar nicht erst in die Welt gesetzt habe, das eine solche Last tragen müsste? Oder doch besser schuldig? Soll ich noch fix auf meine alten Tage adoptieren? Soll ich die jüngeren mahnen: Zeugt! Zeugt! Zeugt! Mich als Betreuungsoma in meiner Freizeit anbieten? Oder die Mütter, die nur Teilzeit arbeiten, nur weil sie ihre Kinder nicht allein zu Hause lassen wollen, mal an den Ohren ziehen? Oder die Frauen, die keine anständigen Lohnerhöhungen auf Männerniveau durchsetzen, wüst beschimpfen? Oder die Beamten, deren hübsche Pensionen die bekinderten und unbekinderten Steuerzahler gerade finanzieren, um Nachlass anschreiben?

Schlauer wird man durch die Studie dann auch nicht, trotz, oder vielleicht besser wegen so schöner Berechnungen wie  „Summe aller Nachkommen: 158.269 Euro“, und den Begriffen „kinderlose Kinder“  oder „konditionale Äquivalenz“. Dafür kommt dieser andere Begriff, der vor ein paar Tagen noch die Republik erbeben ließ, nur in einer Fußnote vor: Zuwanderung. Kein Wort davon, dass die Finanzkrise (das Wort kommt auch nicht vor) dazu geführt hat, dass netto 369.000 Leute mehr in dieser Republik leben (weit mehr als erwartet) – konnten die Wissenschaftler ja nicht wissen, als sie die Studie erstellt haben. Schon recht, vermutlich werden ja auch wieder welche abwandern, in ihre Heimatländer, mitsamt ihren 13-Jährigen. Es sei denn, wir bekommen noch mal eine Finanzkrise. Von der wir aber nicht wissen, ob sie uns oder schon wieder die anderen trifft. Oder wir alle sind mal dran, bleiben zuhause und zerreißen Europa. Bis 2030, der ultimative Zeithorizont der Studie, ist dafür ja genug Zeit.

Man weiß es nicht. Die Wissenschaftler auch nicht. Aber Hauptsache, das Ergebnis stimmt: Das Rentensystem muss reformiert werden, die Familien entlastet. Das, übrigens, ist als Forderung nicht neu, und hätte mit weniger populistischen Zahlen auf Kosten von 13-Jährigen und Kinderlosen auch funktioniert. Neu wäre, wenn endlich begriffen würde, dass eine Reform des Rentensystems und eine Entlastung der Familien nicht reicht, um die Folgen der demographischen Entwicklung aufzufangen.

Maike Rademaker, Journalistin in Berlin, ist Arbeitsmarkt- und Sozialexpertin. Sie schrieb für die “Financial Times Deutschland” und die “tageszeitung” und ist regelmäßiger Gast im ARD-Presseclub.

 

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