Familienpolitik

Schwesigs Rohrkrepierer

Die neue Familienministerin hat die 32-Stunden-Woche für junge Eltern gefordert. Doch damit erweist sie Familien einen Bärendienst

Schade, dass Yasmin Fahimi noch nicht im Amt ist. Sonst müsste sie als Generalsekretärin der SPD wohl oder übel zum Hörer greifen und die neue Familienministerin Manuela Schwesig mal kurz aufklären – vorausgesetzt, Fahimi, bisher bei der Grundsatzabteilung der IG BCE, fühlt sich den Gewerkschaften noch verbunden. Denn die Arbeitszeit ist, ebenso wie der Lohn, Sache der Tarifpartner. Insofern hat sich Parteifreundin Schwesig sehr weit vorgewagt, als sie jetzt eine „Familienarbeitszeit“ forderte, die 32-Stunden-Woche für junge Eltern.

Schlimm genug, dass die Gewerkschaften diese Gestaltungsmacht im Niedriglohnbereich aufgeben und nach einem Mindestlohn rufen – aber dass eine SPD-Ministerin ihnen auch noch in die Arbeitszeitgestaltung hineingrätscht? Das werden sich die Gewerkschaftsbosse wohl kaum gefallen lassen.

Die Wirtschaft schützt das allerdings nicht vor Rufen nach der 32-Stunden-Woche – besonders die IG Metall ist damit schon mehrfach spazieren gegangen, 1998 und 2008 auch schon mal. Schließlich gilt bei den Metallern ohnehin die Regelarbeitszeit von 35 Stunden – im Westen, in Schwesigs Heimat sind es 38 Stunden. Geworden ist aus der 32-Stunden-Woche allerdings nichts, im Gegenteil, still und heimlich haben die Tarifpartner allerlei Öffnungsklauseln in die Tarifverträge gebaut, die eine längere Arbeitszeit bis zu 40 Stunden ermöglichen, vor allem bei Experten wie Ingenieuren. Und das auch keineswegs gegen den Willen dieser Beschäftigten übrigens, die damit schließlich auch mehr verdienen.

Es ist auch unwahrscheinlich, dass die 32-Stunden-Woche mal etwas anderes wird als Imagegebrüll der Gewerkschaften. Denn die 35-Stunden-Woche, die die IG Metall 1984 nach heftigen Auseinandersetzungen erreichte, hat ungeahnte Folgen nach sich gezogen und ist eine der Ursachen für die derzeitigen Planungsprobleme vieler Familien: Schichtsysteme. Drei Schichten, vier Schichten, Nachtschichten, Frühschichten. Das kann man mal versuchen, in Einklang mit den Öffnungszeiten eines durchschnittlichen deutschen Kindergarten zu bringen – unmöglich. Kein geringerer als der derzeitige Chef der IG Metall, Detlef Wetzel, hat diese Folgen mal mit erstaunlicher Offenheit kritisiert. Wer nun noch kürzere Arbeitszeiten fordert, würde damit einen Rohrkrepierer zu bauen – und die Probleme der Familien zusätzlich verschärfen.

Maike Rademaker, Journalistin in Berlin, ist Arbeitsmarkt- und Sozialexpertin. Sie schrieb für die “Financial Times Deutschland” und die “tageszeitung” und ist regelmäßiger Gast im ARD-Presseclub.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 5 Bewertungen (3,20 von 5)