Kolumne: Moneytalk

Bernanke geht – Ende der Hausse?

Acht Jahre stand Ben Bernanke an der Spitze der mächtigsten Zentralbank der Welt, der US-Notenbank Fed. Er überschwemmte die Finanzmärkte mit billigem Geld und kann deshalb mit Fug und Recht als Vater des Aktienbooms bezeichnet werden. Nun hat er das Ruder der bisherigen Fed-Vizechefin Janet Yellen übergeben. Ist das das Ende des Börsenaufschwungs?

Ben Bernanke verlässt die Fed und die Aktienkurse fallen. Gibt es da einen Zusammenhang? Das wäre plausibel, denn viele Aktienanalysten führen die Rekordjagd auf den Aktienmärkten auf seine großzügige Geldpolitik zurück. Nach dem Ausbruch der Finanzkrise vor fünf Jahren senkte er den Leitzins auf nahe null Prozent, und die Fed kaufte in großem Stil Wertpapiere, um das Bankensystem mit Abermilliarden zusätzlicher Dollars zu versorgen. Der Großteil dieses Geldes floss nicht in die Realwirtschaft, sondern in die Finanzmärkte – und trieb so die Kurse von Aktien und Anleihen nach oben. Jetzt also hat der Vater des Börsenbooms das Kommando abgegeben.

Und doch sind die zuletzt fallenden Notierungen nicht auf den Wechsel von Bernanke zu Yellen zurückzuführen. Denn unter Börsianern herrscht weitgehend Einigkeit, dass die erste Frau an der Fed-Spitze die pragmatische geldpolitische Linie ihres Vorgängers nahtlos fortführen wird. Das heißt allerdings keineswegs, dass die Währungsturbulenzen in einigen Schwellenländern, die auch in der vergangenen Woche an den Aktienmärkten für Verunsicherung und fallende Kurse gesorgt haben, nichts mit der Fed zu tun haben. Als Auslöser der aktuellen Emerging-Market-Probleme gilt nämlich der noch unter Bernanke eingeleitete Einstieg in den Ausstieg aus der ultraleichten Geldpolitik der Fed.

In zwei Schritten hat die amerikanische Zentralbank das monatliche Wertpapier-Ankaufsvolumen von 85 Milliarden auf nunmehr 65 Milliarden Dollar reduziert. Damit – so die Logik der Finanzanalysten – stehe künftig weniger Liquidität zur Verfügung, die weltweit angelegt werden könne. Gleichzeitig wird erwartet, dass der reduzierte Umfang der Fed-Anleihekäufe die langfristigen Zinsen in den USA steigen lässt, sodass Geld, das bisher in den Schwellenländern investiert wurde, in die Vereinigten Staaten zurückfließt.

Als neutraler Beobachter muss man sich schon wundern, dass die derzeitigen Kapitalabflüsse aus den Schwellenländern so viel Hysterie auslösen, dass gleich eine Emerging-Market-Krise à la Asienkrise 1997 an die Wand gemalt wird. Es ist wahrlich keine neue Erfahrung, dass Portfolioinvestitionen kurzfristig stark schwanken können und heftige Wechselkursschwankungen verursachen – obwohl sich an den Fundamentaldaten in den Schwellenländern kaum etwas geändert hat. Tatsache ist, dass einige dieser aufstrebenden Länder Probleme haben. Tatsache ist jedoch auch, dass die meisten Emerging Markets heute wesentlich besser und stabiler dastehen als 1997. Außerdem reagieren die Zentralbanken in Indien, der Türkei und Co. mit teilweise drastischen Leitzinsanhebungen, die wieder kurzfristiges Kapital anlocken werden.

Eines ist klar: Für die Fed sind die Sorgen der Regierungen in den Schwellenländern kein Grund, ihre Wertpapierkäufe wieder aufzustocken. Erfahrungsgemäß orientieren sich Amerikas Notenbanker ausschließlich am Wohl und Wehe der US-Wirtschaft.

Doch genau deshalb sollte man sich nicht zu große Sorgen machen, dass der Welt demnächst das Geld ausgeht. Erstens: Die Wertpapierkäufe sind nicht der einzige Kanal, über den die Fed die Finanzmärkte mit Liquidität versorgt. Sie macht dies durchaus auch über ihre herkömmlichen geldpolitschen Instrumente. Zweitens werden die US-Zentralbanker nicht müde, immer wieder zu betonen, dass der Leitzins noch lange sehr niedrig bleiben wird. Drittens glauben viele „Fed-Watcher“, dass Janet Yellen das Volumen der Anleiheaufkäufe wieder hochfahren wird, sobald sich abzeichnet, dass der US-Aufschwung ins Stocken gerät. Peter Schiff, US-Vermögensverwalter und Chef von Euro Pacific Capital, rechnet damit, dass Yellen das Kaufprogramm über kurz oder lang sogar über das alte Niveau von 85 Milliarden Dollar hinaus erhöhen wird. Außerdem gibt es da noch die zweite große Notenbank, die Europäische Zentralbank (EZB), die angesichts sinkender Inflationsraten in der Eurozone ihre bereits sehr expansive Geldpolitik voraussichtlich noch weiter lockern wird.

Was heißt das alles für die Aktienmärkte?

Eine Geldpolitik der Fed, die äußerst behutsam vorgeht und vorerst nur graduell weniger expansiv sein wird als zuletzt, spricht eher für als gegen eine Fortsetzung des Aufwärtstrends bei Aktien. Zumal die Erwartung besteht, dass Yellen den Geldhahn bei Bedarf wieder weiter aufdreht. Und: Wenn man den Prognosen des Internationalen Währungsfonds und der meisten Wirtschaftsforscher glauben darf, gewinnt der globale Konjunkturaufschwung – ausgehend von den Industrieländern – an Dynamik. Damit verbessern sich die Gewinnperspektiven für die Unternehmen, die eigentlich entscheidend für die Kursentwicklung an der Börse sein sollten.

Ludwig Heinz, Finanzautor in München, arbeitete er im Research-Bereich diverser Banken, bevor er im Jahr 2000 für 13 Jahre zur Anlegerzeitschrift “Börse Online” wechselte. Er schreibt die OC-Kolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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