Kolumne: Mein Held der Woche

Braver Sohn, Helmut Linssen

Steuersünder fliegen gerade serienweise auf. Lustig sind die Begründungen, weshalb sie vergessen haben, den Fiskus zu informieren. Die beste hatte Ex-CDU-Schatzmeister Helmut Linssen

Darf man nachtreten? Darf man noch etwas sagen über Leute, die eh schon am Boden liegen? Ist sehr unfein, macht man nicht. Eigentlich.

Aber manchmal zeigen die Leute noch in der Niederlage Größe, und sei es nur verbale. Und deshalb widmen wir uns heute einem Mann, der nun schon Geschichte ist: Helmut Linssen, bis vor Kurzem CDU-Schatzmeister.

Er hatte Gelder der Familie auf Offshore-Konten in der Karibik geparkt, was üblicherweise geschieht, wenn man Zinseinkünfte verschleiern will. Kurz bevor er Finanzminister in Nordrhein-Westfalen wurde, löste er die Konten auf, und alles war wieder bestens.

Als die Sache nun publik wurde, hatte er eine hübsche Begründung für seinen persönlichen Geld-Verschiebebahnhof. „Ich wollte meiner Mutter einen Gefallen tun“, sagte er.

Das ist großartig, das verdient Respekt. Denn mit dieser Begründung hat er allen einen Gefallen getan, die künftig irgendwie unangenehm auffallen. Denn dieser Satz bietet ungeahnte Variationsmöglichkeiten, und in nächster Zeit dürften Deutschlands Richter jede Menge Variationen der Linssen-Begründung zu hören bekommen.

Der Mann, der bei einer Kneipenschlägerei einem anderen Gast das Gebiss zerlegt hat, wird sagen: „Ich wollte seinem Zahnarzt einen Gefallen tun.“

Der Unternehmer, der einen betrügerischen Bankrott hinlegte, wird argumentieren: „Ich wollte der überhitzten Konjunktur einen Gefallen tun.“

Der ertappte Bankräuber wird barmen: „Ich wollte meinem Konto einen Gefallen tun.“

Und der Vergewaltiger wird erklären: „Ich wollte dem demographischen Wandel einen Gefallen tun.“

In deutschen Justizkreisen wird bald der Spruch kursieren: Der Angeklagte hat den Linssen gemacht. Und so ist dem CDU-Schatzmeister a.D. noch im Abgang Großes gelungen.: die deutsche Strafverteidigung um eine Facette zu bereichern.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag. Weitere Vorschläge, wer wem einen Gefallen tun könnte, sind ausdrücklich erbeten.

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