Kolumne: Moneytalk

DAX nimmt 10.000-Punkte ins Visier

Seit Mitte 2012 hat es beim Aktienindex DAX keine Korrektur gegeben, die über zehn Prozent hinausging. In den letzten Tagen hat sich der deutsche Leitindex erstaunlich gut erholt und kratzt bereits wieder am Allzeithoch. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis die magische Grenze von 10.000 Zählern überschritten wird

War da was? Drohende Emerging-Market-Krise, globale Konjunktursorgen – abgehakt, die Aktienmärkte haben wieder den Vorwärtsgang eingelegt. Dazu haben die Konjunkturdaten der vergangenen Woche beigetragen, die überwiegend positiv ausfielen. So zeigten die Zahlen für das Bruttoinlandsprodukts (BIP) in der Eurozone, dass im vierten Quartal 2013 die Wirtschaftsleistung erstmals seit langer Zeit in allen großen Ländern des gemeinsamen Währungsraums wieder expandierte. In Deutschland legte das BIP um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu, in Frankreich und Spanien um jeweils 0,3 Prozent. Selbst im krisengebeutelten Italien gab es ein leichtes Plus (0,1 Prozent). Unter den kleinen Euro-Mitgliedern lagen die Niederlande mit einem Zuwachs von 0,7 Prozent an der Spitze. Zudem überraschte Portugal mit plus 0,5 Prozent, dem dritten Wachstumsquartal in Folge.

Eine dicke Überraschung kam aus China: Die Exporte der Volksrepublik schossen von Dezember bis Januar um satte zehn Prozent nach oben, während Analysten gerade einmal einen Anstieg von vier Prozent vorausgesagt hatten. Das dämpft bei Investoren die Sorge, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt könne außer Tritt geraten. Im Gegensatz dazu wurden aus den USA Daten zur Industrieproduktion und zum Einzelhandel für den Januar gemeldet, die die Erwartungen verfehlten. Darauf reagierten die Finanzmärkte aber gelassen, da die Zahlen offensichtlich durch die Wetterkapriolen in Amerika verzerrt sind. Erst die nächsten Monate werden ein klareres Bild vermitteln, wie es mit der US-Konjunktur aktuell aussieht.

Relativ kalt ließ die Finanzmärkte der Rücktritt des italienischen Ministerpräsidenten Enrico Letta. Die Rendite italienischer Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit ging leicht auf rund 3,7 Prozent zurück. Investoren hegen die zarte Hoffnung, unter dem designierten Nachfolger Matteo Renzi werde es endlich zu einer beschleunigten Umsetzung der dringend notwendigen Reformen in der drittgrößten Volkswirtschaft des Euroraums kommen. Gelingt es dem neuen Premier, der Wirtschaft Italiens mehr Dynamik einzuhauchen, würde das an den Märkten sicherlich als eine weitere Entspannung der Eurokrise interpretiert.

Das wichtigste Argument für einen in den kommenden Wochen weiter aufwärts gerichteten Trend an den Aktienmärkten ist und bleibt jedoch die Geldpolitik der großen Notenbanken. Der Auftritt der neuen US-Notenbankchefin Janet Yellen vor dem Kongress in Washington kam bei Börsianern gut an, obwohl sie keinen Hinweis darauf gab, dass sie an ein Aussetzen des Tapering denkt, also der Rückführung der Wertpapierkäufe durch die Fed. Sie hat jedoch deutlich gemacht, dass sie die Erholung des Arbeitsmarkts bei Erreichen einer Arbeitslosenrate von 6,5 Prozent noch nicht als abgeschlossen ansieht. Eine Änderung des von der Fed angestrebten Grenzwerts nahm die Nachfolgerin von Ben Bernanke allerdings nicht vor. Im Januar lag die Arbeitslosenrate bei 6,6 Prozent.

Was die Europäische Zentralbank (EZB) betrifft, gehen die Beobachter sogar von einer weiteren Lockerung der ohnehin bereits sehr expansiven Geldpolitik aus. In diese Richtung weist auch die kürzlich gemachte Aussage des EZB-Direktoriumsmitglieds Benoit Coeuré, die Senkung des Einlagensatzes sei „eine sehr ernsthafte Option“. Obwohl sich die Konjunktur in Euroland gebessert hat, sprechen der feste Euro und die Abwärtsrisiken bei der Inflation für eine nochmalige Leitzinssenkung.

Solange die globale Wirtschaft wächst und die Zinsen deutlich unterhalb des langfristigen Durchschnitts bleiben, dürften die Gewinne der Unternehmen steigen und für eine fundamentale Unterfütterung der stark gestiegenen Aktienkurse sorgen. Anleger sollten sich dennoch klar machen, dass die Risiken gestiegen sind und viele Aktien im historischen Vergleich mittlerweile teuer sind.

Um gut 60 Prozent ist der DAX 2012 und 2013 insgesamt nach oben gegangen. Es wäre utopisch zu glauben, dieses Anstiegstempo könne 2014 und 2015 aufrecht erhalten werden. Selbst wenn man eine deutliche und anhaltende konjunkturelle Besserung unterstellt, wäre ein nochmaliges Kursplus von 50 oder 60 Prozent fundamental allenfalls gerechtfertigt, wenn die Firmengewinne ähnlich kräftig steigen würden. Anleger sind gut beraten, sich von einer dermaßen optimistischen Vorstellung zu verabschieden.

Natürlich kann niemand voraussagen, wann die Börsenhausse endet. Investoren, die beim mittlerweile hohen Niveau noch einsteigen wollen, sollten sich zumindest auf unruhige Zeiten mit starken Kursschwankungen einstellen. Außerdem zeigt die Erfahrung, dass hohe spekulative Positionen, etwa aufgrund kreditfinanzierter Aktienkäufe in den USA, jederzeit heftige Einbrüche am Aktienmarkt auslösen können. Der jüngste Kursrutsch kann, auch wenn er momentan überwunden ist, durchaus als Warnschuss angesehen werden.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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