Kolumne: Ach Berlin

Die Diktatur der Deppen

In Berlin kann man am Beispiel des Tempelhofer Feldes sehen, was passiert, wenn die Deutschen direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild wagen. Nach dem erfolgreichen Volksbegehren könnte bald die Randbebauung des ehemaligen Flugfeldes verhindert werden, von den gleichen Menschen, die sich über Wohnungsknappheit beschweren

Man stelle sich nur mal vor, der Senat würde am Rande des Tempelhofer Feldes keine Wohnungen planen, sondern riesige Asylbewerberheime. Natürlich gäbe es auch dann Gegner, und natürlich würden die Hobbyprotestler, die nun wieder Unterschriften gegen die Bebauung sammeln, dann für die Asylbewerberheime demonstrieren. Ist ja schließlich für eine gute Sache.

Nicht ganz klar ist, was an den Wohnungen jetzt so schlimm sein soll. Denn politisch gibt es zwischen dem Wohnungsneubau und einem Asylbewerberheim keinen großen Unterschied. Während sich die Anwohner eines Asylbewerberheimes daran gewöhnen sollten, dass sie in  einem Rechtsstaat ­leben, der zur Aufnahme von politisch Verfolgten verpflichtet ist, müssen Anwohner am Tempelhofer Feld eben damit leben, dass der Berliner Senat etwas ­gegen die Wohnungsknappheit unternehmen will.

In beiden Fällen geht das Gemeinwohl über das Einzelinteresse. Es ist ja immer zu begrüßen, wenn Menschen sich für ihre Interessen einsetzen – und bei Entscheidungen des Staates genauer hinschauen. Wenn die Protestler allerdings zu großen Teilen die gleichen sind, die ansonsten eben über diese Wohnungsknappheit und die damit verbundene Gentrifizierung in manchen Stadtteilen jammern, dann ist das politische Schizophrenie.

Zur Erinnerung: Der Senat plant ­zunächst am Westrand des Feldes 1.700 Wohnungen, davon mindestens die Hälfte zu Mieten von sechs bis acht Euro pro Quadratmeter. Von Luxuswohnprojekten kann also nicht die Rede sein, wobei auch diese ihren Sinn hätten, denn auch sie würden den Wohnungsmarkt entspannen. Dazu wird es später Bürohäuser geben, gegen die sich eine wirtschaftsschwache Gegend auch nur wehren kann, wenn sie grundsätzlich alles ablehnt, was nach Marktwirtschaft riecht.

Es geht also wie so oft weniger um politischen Gestaltungswillen, sondern um stumpfen Egoismus. Bevor man die Route seines sonntäglichen Spaziergangs übers Tempelhofer Feld ändern muss, geht man lieber demonstrieren. Alles soll so bleiben wie es ist. Ein kleinkarierter Konservatismus, der bereits viele Demonstranten gegen den Bahnhof „Stuttgart 21“ auszeichnete. Die Unterschriftler sind den ach so spießigen Schwaben also näher als ihnen lieb sein dürfte. Und die Hellersdorfer Halbnazis, die sich ­gegen ein Asylbewerberheim gewehrt ­haben, sind ja sowieso nicht weit weg.

Stefan Tillmann, Mitgründer des Opinion Clubs, ist zudem Textchef des Berlin-Magazins zitty. Als dieser Text dort in einem Pro-und-Contra veröffentlicht wurde, bekam er wüste Beschimpfungen.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 11 Bewertungen (4,00 von 5)