Kolumne: Auf einen Klick

Endlich kommt Substanz ins Netz

Zwei ehemalige Printredakteure starten das erste rein digitale Wissenschaftsmagazin. Ob sie mit „Substanz“ Erfolg haben, wird offenbaren, welche Thesen zur Zukunft des Journalismus sich bewahrheiten

In diesen Tagen hat ein Experiment begonnen, das mir nicht egal sein kann. Das liegt nicht mal nur daran, dass es von zwei Ex-Kollegen durchgeführt wird: Georg Dahm und Denis Dilba, beide waren zuvor bei der „Financial Times Deutschland“ und dem „New Scientist“ beschäftigt, bis diese eingestellt wurden. Die beiden gehen ein Wagnis ein, das niemandem gleichgültig sein kann, der sich um die Zukunft des Journalismus Gedanken – und Sorgen – macht.

Die beiden Hamburger haben ihren ganzen Mut, ihre Kraft und vor allem ihr ganzes Geld zusammengenommen, um mit einem neuen Wissenschaftsmagazin den großen Verlagen Konkurrenz machen kann. Das Experiment ist nicht, dass die beiden sich mit einer Magazinidee selbstständig machen. Das haben auch schon andere getan. Das Neue an dem Magazin „Substanz“ ist, dass es konsequent als Digitalprodukt konzipiert, produziert und ausgeliefert wird. Es ist kein liebloser Nebenher-Ableger eines bestehenden Printartikels, sondern will und muss für sich selbst stehen.

Damit testen sie konsequenter als als viele andere in Deutschland, ob die Thesen vom Medienwandel wahr sind: Ob die Verlagspferdekutschen nun abgelöst werden von den modernen Internetautomobilen. Ob das, was Gruner+Jahr, Springer, Holtzbrinck und all die anderen treiben, veraltet ist und die Zukunft in solchen Startups liegt. Und dass tatsächlich die deutschen Nutzer nur auf solche Angebote gewartet haben. Selbst wenn sie Geld kosten. Apropos: „Substanz“ sammelt gerade Startup-Kapital auf www.startnext.de/substanz.

Wer die beiden und ihre bisherige Artikel ein bisschen kennt, dem ist um die journalistische Qualität des Wissenschaftsmagazins nicht bange. An Leidenschaft, Durchhaltewillen und Müdigkeitsignoranz wird es ihnen auch nicht mangeln. Umsomehr hoffe ich, dass sie ein paar Thesen zur Zukunft des Journalismus widerlegen und andere bestätigen.

Erstens wird „Substanz“ hoffentlich zeigen, dass die alten Funktionen des Journalismus nicht überholt sind. Viele glauben ja, für Recherche, Einordnung und Erklärung bedürfe es keiner Profis, das könnte die Masse im Netz selbst erledigen, in der Cloud, mit Algorithmen, Klickrankings und sozialen Netzwerken. Diese Wolkenträumer werden aber hoffentlich feststellen, dass es gar nicht so einfach ist. Dass Journalismus Handwerk ist, das man lernen muss. Dass man Fehler bei der Recherche machen kann, die schnell zu jahrelangen Gerichtsprozessen führen können. Dass man dafür Profis braucht, wenn man Qualität lesen will – egal über welchen Vertriebsweg. Und dass es sich lohnt, dafür zu bezahlen.

Zweitens gibt es viele, die die Verlagskrise als nichts weniger als eine radikale Zeitenwende begreifen: Organisierter und professioneller Journalismus, wie er bislang in Redaktionen betrieben wird, habe ausgedient, behaupten nicht nur urbane Dauersurfer, sondern auch Journalistikprofessoren wie Emily Bell von der Columbia School of Journalism. Demnach gehöre die Zukunft den Einzelkämpfern, den Autonomen, den Unabhängigen, die doch viel einfacher und billiger recherchieren könnten. Und wenn sie Hilfe brauchten, gebe es ja immer noch die Cloud, irgendwelche freiwilligen wie kostenlosen Helfer im Netz, die ihnen schon Rede und Antwort stehen.

Ich glaube das nicht. Allein schon deswegen, weil das unheimlich anstrengend ist. Das haben auch die „Substanz“-Macher erfahren müssen, wie sie selbst in einem lesenswerten Interview für das Blog Lousy Pennies zugeben. Anträge stellen, Behördenkram erledigen, Rechtsfragen klären, Prozesse abwehren, Amtsgänge erledigen, Rechnungen schreiben, Buchhaltung betreiben, Steuern abrechnen – das kostet weit mehr Tagesanteile, als viele glauben. Für echtes Blattmachen, fürs Recherchieren, Redigieren, Publizieren bleibt so kaum Zeit. Es ist daher gut, wenn man einen Apparat im Hintergrund hat, der sich um solcherlei Lästiges kümmert, damit man sich selbst mit ganzer Kraft auf Journalismus konzentrieren kann.

Diese zweifellos sinnvolle Arbeitsteilung hat eine Bezeichnung, die in letzter Zeit in Verruf geraten ist: Verlag. Was er leistet (oder leisten sollte), kann die Cloud nie bieten: Zuverlässig jeden Tag diese unangenehme Arbeit wahrnehmen, von Profis, die dafür die nötige Zeit, die Ausbildung und die Erfahrung haben. Mal eben nebenbei geht das nicht. Und genauso braucht es Redaktionen, in denen Journalisten untereinander ihre Arbeitslast aufteilen und in denen sich Fachleute auf ihre Fachgebiete konzentrieren können. Einzelkämpfer können das nicht, sie müssen alles ein bisschen selbst machen. Organisierter und professioneller Journalismus ist schlicht effizienter und besser als unorganisierter, spontaner Laienjournalismus.

Drittens werden Dahm und Dilba zeigen müssen, wie gut die Trennung von Anzeigengeschäft und Redaktion gelingt. Denn auch das ist der Vorteil eines Verlags: Er kümmert sich um das Finanzielle, damit der Journalist es nicht muss – der sonst in den Rollenkonflikt gerät, ob er lieber kritischen Journalismus machen oder Anzeigeneinnahmen verzeichnen will.

Und schließlich beweist „Substanz“, dass die von vielen postulierte Skepsis von (ehemaligen) Printjournalisten gegenüber dem Netz Unsinn ist. Die meisten ernstzunehmenden Profijournalisten, die ich kenne, wollen guten Journalismus machen und als ihren Beruf betreiben, egal ob die Stücke abgedruckt,auf Bildschirmen ausgestrahlt oder über Tablets und Smartphones verbreitet werden. Und die wenigsten von ihnen scheuen sich vor dem Kontakt zum Internet und ihren Lesern. Viele haben nur nicht solch eine Courage und die Beharrlichkeit wie Georg Dahm und Denis Dilba, gleich selbst eine Publikation auf die Beine zu stellen, selbst wenn es viel Zeit, Kraft und Geld kosten sollte. Hoffentlich haben sie Erfolg und machen anderen Mut, nicht nur zu lamentieren, sondern selbst zu experimentieren. Alles Gute, Jungs!

Falk Heunemann, Autor in Hamburg und ehemaliger Kommentarredakteur der „Financial Times Deutschland“, schreibt seine OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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