Wetten dass...?

Republik ohne Stars

Der Untergang von „Wetten, dass…?“ liegt nicht alleine an Markus Lanz. Er ist ein Sinnbild für den Niedergang des deutschen Showgeschäfts. Dem Land, in dem Prominenz zum Selbstzweck geworden ist, gehen die echten Stars aus

Wer am Samstag bei „Wetten, dass…?“ einschaltete, sah zwischenzeitig eine Couch mit Moderator Markus Lanz, Nachrichtensprecherin Judith Rakers, den Fernsehmoderatoren Joachim Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf sowie Fernsehkoch Christian Rach. Es war nicht so, dass das ZDF dem angeschlagenen Moderator Markus Lanz ein paar Kollegen beiseite stellen wollte. Nein, die Moderationskollegen waren die Gäste der Sendung, also die Stars, für die der Zuschauer normalerweise diese Sendung einschaltet.

Dies taten am Samstag nur noch 5,85 Millionen Zuschauer. Die Fernsehrichter fielen wieder schnell über den selbstverliebten Markus Lanz her. Dabei steckt mehr hinter dem Quotendebakel: Am Niedergang von Europas größter Fernsehshow zeigt sich, dass Deutschlands Showgeschäft in der Krise steckt. Deutschland gehen die Stars aus, zumindest die fernsehtauglichen. Es mag paradox klingen, schließlich gibt es unzählige Fernsehsendungen, in denen Nobodys berühmt werden können. Doch genau das ist das Problem: Prominenz ist zum Selbstzweck geworden und nicht Ergebnis von Leistungen, die man über Jahre in einem Handwerk liefert.

Als Ergebnis sitzen auf der Starcoach lauter Fernsehnasen, die selbst einfach irgendwie in die Medien wollten. Markus Lanz machte eine Ausbildung zum Kommunikationswirt, Judith Rakers studierte Publizistik, Joachim Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf kämpften sich ohne Studium bei MTV hoch. Das ist aller Ehren wert und auch die Moderation ist ein Handwerk. Aber eben keines, das einen automatisch zum Star macht. Vermutlich ist das auch der Grund, warum Markus Lanz immer etwas die Gelassenheit fehlt, die Stars auszeichnet. Diese sind Koryphäen in ihrem Fach und können es verschmerzen, wenn sie mal nicht so gut rüberkommen. Lanz & Co. haben aber nichts anderes gelernt als die Zuschauer zu bespaßen und geraten ohne Vorbereitung schon beim allgemeinen Plausch übers Zeitgeschehen gehörig ins Schwimmen.

Während andere Fernsehformate darauf abzielen, dass der Junge von nebenan auch ein Star werden kann, zeigt der Quotensturz vielleicht, dass die Zuschauer von „Wetten, dass…?“ eben etwas anderes erwarten: echte Stars von Welt. Den Unterschied konnte man am Samstag sehen, als sich Hollywood-Schauspielerin Hilary Swank auf die Couch verirrte. Die deutsche Moderationsgilde ging demütig in Knie – als seien sie nette Jungs, höfliche Moderatoren, aber eben keine Stars. Die Frage ist also, ob es in Deutschland keine Stars mehr gibt, ob die nicht zu „Wetten, dass…?“ wollen oder ob das ZDF sie nicht will.

Es gibt ja schließlich einige Künstler, die es international zu etwas gebracht haben, querbeet durch alle Geschmacksrichtungen: Rammstein, Scooter, David Garrett, Anne-Sophie Mutter, Sasha Waltz undundund. Allesamt Individualisten, angreifbar, unangepasst und doch erfolgreich. „Wetten dass…?“ setzt nach Trash-Gästen wie den Geissens und der Co-Moderatorin Cindy aus Marzahn auf die unprätentiöse Konsensrepublik. Zuletzt lud Lanz Peter Maffay ein, der keinen seiner schlichten Songs selbst schreibt – und keinerlei Selbstironie zu besitzen scheint. Am Samstag kam Adel Tawil, der größtmöglichen Konsens-Pop trällert und den Markus Lanz unwidersprochen eine Symbolfigur für „das junge, coole Deutschland“ nannte. Es ist vermutlich ein nettes Deutschland, das im richtigen Moment in die Knie geht. Wirkliche Klasse besitzt es nicht.

Stefan Tillmann hat sich auf ein nicht-prominentes Leben eingerichtet, seitdem die Scouts von Fortuna Düsseldorf nicht ihn, sondern zwei Mitspieler einluden. Wenn sein Buch „Nie wieder Fußball!“, das heute erscheint, ihn zu Ruhm verhelfen sollte, wird er sich aber auch nicht wehren.

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