Kolumne: Ach Berlin

Zehn Jahre Hype?

In Berlin reden sie mal wieder davon, dass der Hype vorüber ist. Diesmal könnte es stimmen. Denn der Hauptstadt-Kult wird seit Jahren von Klaus Wowereit und Konsorten nur noch verwaltet anstatt befeuert

Im April 2004, so fand es neulich Rico Grimm fürs Berlin-Magazin zitty heraus, landete die erste Easyjet-Maschine aus Liverpool in Berlin. Man kann dies als die Geburtstunde des vielgepriesenen Easyjet-Set nehmen, der aus dem muffigen Berlin eine der hipsten Orte der Welt gemacht hat. Nun, zehn Jahre, eine Flughafen-Schließung und keine -Eröffnung später, könnte man fragen, was der Hype gebracht hat. Schließlich schrieben zuletzt mehrere internationale Medien, mit dem Kult sei es nun schon wieder vorbei.

Sicher ist: Berlin geht es besser als vor zehn Jahren. Die Einwohnerzahl wächst, die Arbeitslosigkeit sinkt, wenn auch nicht stark, die Verschuldung wurde reduziert, auch wenn sie noch beträchtlich ist. Massig privates Kapital wurde in die Hauptstadt gesteckt, allen voran in die Immobilien. Doch gerade dort zeigt sich, wie flüchtig ein Hype sein kann: Schließlich ist ein großer Teil des Immobilienerwerbs reine Spekulation und dient nicht der Eigennutzung.  Angesichts der demografischen Lage Deutschlands und der immer noch prekären wirtschaftlichen Lage Berlins, dürften die Preise nicht ewig steigen, zumindest kommen sie den meisten Berlinern nicht zugute.

Wenn man genau hinschaut, ist Berlin eigentlich eine ziemlich normale Stadt und die meisten Berliner leben ganz gut damit. Die Überbewertung kommt vielfach von den Menschen, die aus Kleinstädten in die Hauptstadt ziehen und diese für den Nabel der Welt halten. Die Medien drumherum tun ihr übriges. Dabei gibt es in Berlin so gut wie nichts, was es in München, Hamburg oder Köln nicht auch gibt. Dennoch profitiert die Stadt von  dem Hype, der zweifellos da ist. Leider wird er im zehnten Jahr seines Bestehens nur noch verwaltet.

Die Club- und Kulturszene hat sich mit der Politik ein Netz aus Fördereinrichtungen geschaffen, gemeinsam verlangen sie mehr Geld für die Szene, seit neuestem auch aus der City-Tax, damit die Hauptstadt so cool bleiben kann. Die viel beschworene Kreativmetropole zieht zwar weiter tausende Schauspieler, freie Journalisten und Fotografen an, die fortan die lokale Gastronomie aufhübschen, wirkliche kreative Wertschöpfung findet aber kaum statt. Bei der Patentierung ist Berlin weiter abgeschlagen. Und auch der so genannte Startup-Boom hat noch kaum Arbeitsplätze geschaffen.

Eine Hoffnung gibt es: Angesichts der steigenden Miet- und Immobilienpreise ist das so sorglose Vor-sich-hin-arbeiten in Berlin alsbald nicht mehr möglich. Dann müssen sich auch die Berliner Geschäftsmodelle ausdenken, die global konkurrenzfähig sind. Aber vermutlich wird sich bis dahin Klaus Wowereit, bei dem „Der Tagesspiegel“ jüngst eine „Helmutkohlisierung“ beobachtete, wieder etwas einfallen lassen, um die prekäre Situation der digitalen Boheme auch nachhaltig zu sichern.

Stefan Tillmann, Mitgründer des Opinion Clubs, hofft immer noch darauf, dass der Berlin-Hype dafür sorgt, dass der Vermieter mal das Treppenhaus streicht.

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