Feminismus

Hört auf zu Jammern!

Wir brauchen einen Feminismus, denn er ist ein Motor des Fortschritts. Aber er braucht mehr Selbstbewusstsein. Denn Frauen geht es so gut wie noch nie

Vor exakt 100 Jahren, am 16. März 1914, erschoss Henriette Caillaux in Paris den Chefredakteur der konservativen Tageszeitung „Le Figaro“, Gaston Calmette. Sie fürchtete, dass „Le Figaro“ erneut peinliche Bilder für sie und ihren Mann, den Finanzminister Joseph Caillaux, veröffentlichen würde. Als Mitarbeiter auf die Mörderin zustürmten, machte diese keine Anstalten zu fliehen und fauchte nur: „Lassen Sie mich. Ich bin eine Dame.“ Vor Gericht brach sie mehrmals zusammen, kokettierte mit dem Bild der schwachen Frau, das damals der aufkommende Feminismus bekämpfte. Das Ergebnis: Caillaux wurde freigesprochen, weil sie nicht vorsätzlich gemordet habe, sondern ihren „unkontrollierbaren weiblichen Gefühlen“ erlegen sei.

Inzwischen hat sich einiges getan: Frauen regieren Länder, führen Konzerne. Von einem schwachen Geschlecht, wenn dieses das Bild überhaupt jemals richtig war, kann zumindest in Deutschland nicht mehr die Rede sein. Die Frage ist also, wozu es heute noch den Feminismus braucht. Aus Perspektive des Fortschritts, der Aufklärung, kann es eigentlich nie genug Emanzipation, nie genug Feminismus geben. Es bleibt aber die Frage, ob er die richtigen Ziele verfolgt.

Auf einer Lesung in Berlin zeigte sich vor kurzem, dass junge Frauen anders ticken als ihre vermeintlichen Vorkämpfer. Während die ehemalige „taz“- und neue „FR“-Chefredakteurin Bascha Mika über „feige Frauen“ dozierte, die für die Familie ihre Karriere vernachlässigen würden, erwiderte eine junge Frau, sie möchte sich nicht dafür entschuldigen, dass sie gerne Mutter sei – Karriere sei ihr nicht so wichtig. Eines haben Mika, Alice Schwarzer und Konsorten offenbar nicht begriffen: Während sie für das Recht auf Karriere streiten mussten, sind die heutigen Frauen im Wohlstand aufgewachsen, mit der Option, Karriere zu machen. Und Umfragen zeigen seit Jahren, dass die Bedeutung von Karriere bei jungen Männer wie Frauen abnimmt.

Die Probleme von Mika & Co sind größtenteils obsolet geworden. Während diese Frauen auf Kinder verzichteten, um Karriere zu machen, stehen Familien heute alle erdenklichen Modelle zur Verfügung: Mann oder Frau bleiben zu Hause, einer reduziert die Arbeit, beide reduzieren ihre Arbeit oder beide versuchen irgendwie das Unmögliche und arbeiten beide Vollzeit. Allein diese Vielfalt ist ein Segen und natürlich auch eine Errungenschaft des Feminismus. Man könnte getrost sagen: Frauen ging es noch nie so gut wie heute.

Viele Frauen leben dabei die Weiblichkeit selbstbewusst aus. Allerortens sind nicht nur teure Kinderwagen in Mode, sondern auch vermeintlich altbackene Hobbys wie Nähkurse und Gartenarbeit. Die „FAZ“ sprach zuletzt  von einem neuen „Familismus“, einer Emanzipation, bei der Frauen ihre weibliche Seite ausleben anstatt kinderlose Karrieristinnen wie Angela Merkel, Bascha Mika oder Alice Schwarzer zu bewundern.

Dem neuen Feminismus stünde ein bisschen mehr Selbstbewusstsein in jedem Fall gut. Das Jammern über Bezeichnungen auf Überraschungseiern und Barbiehäuser ist im Prinzip genau so dämlich wie das Einfordern von bestimmten Quotenplätzen in Führungspositionen. Denn es manifestiert nur das Bild des schwachen Geschlechts, das Hilfe braucht. Und das ist heute noch falscher als vor 100 Jahren.

Stefan Tillmann, Mitgründer des Opinion Clubs, steht kurz vor der Familiengründung und könnte sich gut vorstellen, einige Zeit zugunsten der Familie aufs Geldeintreiben zu verzichten.

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