Kolumne: Auf einen Klick

Der scheinheilige Streit um „Zeit Online“

Darf ein Autor gleichzeitig für „Zeit Online“ und für eine Postille des russischen Staates arbeiten? „Die Zeit“ meint Nein, Kritiker im Netz finden: Ja. Tatsächlich haben beide Seiten Recht – und beide liegen falsch

„Die Zeit“ ist nicht sonst gerade für Aufreger bekannt, allenfalls positive. Aber diese Woche sorgte sie für eine Art Netzskandal: Der Chef ihrer Online-Abteilung kündigte einem freien Mitarbeiter aus der Ukraine die Zusammenarbeit auf, weil er nebenher für eine von Russland finanzierte Werbebeilage arbeitete. Das reichte, damit Kritiker dem Onlinemedium daraufhin mangelne Menschlichkeit vorwarfen, Recherchemangel, Scheinheiligkeit und Ausbeutung – sowie Twitternutzung.

Am berechtigsten ist zweifellos der letzte. „Zeit Online“ hat, wie es Stefan Niggemeier in seinem Blog nachzeichnet, eine Twitternachricht bekommen, laut der ihr Autor nebenher für „Russland Heute“ arbeitet, eine Werbebeilage, die der russische Staat indirekt finanziert. Welche Motive der Twitterer selbst hat, spielt dabei übrigens keine Rolle – jeder hat ein Recht auf Kritik. Nur kurz darauf teilt „Zeit Online“ auf selbem Wege die Trennung mit. Sensibel ist das wirklich nicht. Selbst wenn die Zeitler davon überzeugt sein mögen, mit guten Gründen gehandelt zu haben – gerade sie müssten jedoch wissen, dass es nicht nur auf die Intention, sondern auch die Art der Kommunikation ankommt. Und Twitter ist nicht gerade das differenzierste Medium, um Personalangelegenheiten zu klären.

Auch der zweite Vorwurf ist nicht ganz von der Hand zu weisen: „Zeit Online“ hätte es ja wissen können, schließlich stünde die Mitarbeit für „Russland Heute“ ja auf der Internetseite des Autoren. Allerdings: Redakteure haben in der Regel anderes – und besseres – zu tun, als umfänglich ihren Autoren hinterher zu recherchieren. Meist kommt der Kontakt ja ohnehin auf Empfehlung zustande, oder weil er für bekannte Medien und Bürus schreibt – wie das Korrespondentennetzwerk „n-ost“. Die Redaktion interessiert, ob er a) pünktlich liefert, b) ordentlich schreibt, c) sauber arbeitet. Bei Kontakten zu Hunderten, häufig wechselnden Freien würde die Biografierecherche ansonsten schnell eine eigene Redaktion benötigen.

Im Zweifel liegt die Verantwortung, auf solche möglichen Konflikte hinzuweisen, ohnehin beim Autor. Dazu sollte es auch keiner Transparenzregelungen bedürfen, wie sie nun von den „Zeit“-Kritikern in Schriftform eingefordert werden. Und das ein Konflikt vorliegt, räumt selbst das Netzwerk „n-ost“ ein.

Damit wären wir beim dritten Vorwurf: Scheinheiligkeit und Ausbeutung: Angeblich zahlt „Zeit Online“ dem freien Mitarbeiter 150 Euro für einen Artikel. Das ist in der Tat nicht viel, selbst wenn es für manche Außenstehende so wirken mag. Freie benötigen für die rund 200 Arbeitstage einen Tagessatz von 300-400 Euro mindestens, um über die Runden zu kommen. Schließlich geht allein die Hälfte davon an Steuern und Sozialversicherungen ab, und für Wochenenden, Urlaube und Krankheiten werden sie nicht bezahlt (anders als Angestellte), sie müssen also für diese Tage vorsorgen. Kritiker werfen der Zeit deshalb Ausbeutung vor – was stimmt. Und auch Scheinheiligkeit, schließlich seien ja Journalisten ja bei solchen Minibeträgen gezwungen, ihr Geld mit Verlagsbeilagen und Aufträgen aus der Wirtschaft zu verdienen.

Allerdings: „Zeit Online“ handelt völlig netzökonomisch: Wenn ein riesiges Angebot an freien Schreibern besteht, dann muss man sie nicht groß bezahlen. Auch Nachrichtenportale wie SpiegelOnline, Stern.de, Süddeutsche oder Focus zahlen – trotz ihrer Reichweite – eigentlich viel zu geringe Tagessätze. Weil sie es können: Niemand ist schließlich gezwungen, zu diesen Beträgen für die Portale zu arbeiten, viele sind dennoch bereit dazu, sich so ausbeuten zu lassen. Weil sie den Beschwörungen aus dem Netz glauben, solche Portale seien ja auch eine Werbeplattform für Kreative.

Die Portale zahlen aber auch so schlecht, weil sie es müssen: Sie gelten zwar als Erfolg, gar als profitabel. Aber das eben nur, weil sie bei den Freien so extrem sparen. Ihre Einnahmen aus Werbung geben oft gar nicht mehr her, der Kontakterpreis ist nur ein Bruchteil so hoch wie in Print. Ihre Leser pflegen derweil weiterhin die Kostenloskultur, installieren sogar AdBlocks, durch die die Portale noch weniger Werbung einnehmen. Selbst wenn Nutzer mitunter mehr Bezahlmodelle fordern, genutzt werden sie dann doch kaum. Da geht es dem Journalismus nicht anders als der Musik und dem Film. Lieber wird kopiert, getorrented, gestreamt. Wo also soll denn das Geld dann herkommen, mit dem Freie angemessen bezahlt werden?

Wer also kritisiert, dass Freie zu wenig bekommen, der muss selbst bereit sein, Nachrichten und Analysen dieser Seiten zu vergüten. Etwa durch ein Abonnement der Publikation. Doch dazu sind zu viele denn dann doch nicht bereit. Und das ist die wahre Scheinheiligkeit.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne “Auf einen Klick” jeden Donnerstag.

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