Kolumne: Mein Held der Woche

Er ist ein Star – holt ihn da raus

Seit Wochen geistern angebliche Telefon-Mitschnitte des türkischen Premiers Erdogan auf Youtube herum. Jetzt hat der Politiker bestätigt, dass sie tatsächlich von ihm sind. Und somit auch bestätigt, dass viele Vorurteile über Politiker nicht völlig falsch sind

Hand aufs Herz – was halten Sie von Politikern? Nicht viel? Weil die alle korrupt sind? Weil sie sich in Dinge einmischen, für die sie nicht zuständig sind? Weil sie ganz üble Strippenzieher sind? Bitte, bitte, ganz schnell vergessen! Das sind doch alles nur Vorurteile.

Nun ja, wären es – gäbe es da nicht diese merkwürdigen Telefonmitschnitte, die seit einigen Wochen auf Youtube kursieren. Da spricht zum Beispiel jemand, dessen Stimme klingt wie diejenige des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan, mit dem damaligen Justizminister Sadullah Ergin. In dem Telefonat ärgert sich die Erdogan-Stimme darüber, dass ein türkischer Medienmogul, dessen Blätter sehr kritisch über die Regierung berichten, in einem Steuerstrafverfahren freigesprochen wurde. Und die Stimme weist den Justizminister an: „Sie sollen verurteilt werden.“

Nun hätte man denken können, dass sich da ein osmanischer Comedian einen Scherz erlaubt hat. Aber nebbich, Erdogan hat jetzt bestätigt, dass der Telefonmitschnitt weitgehend authentisch ist. Das war sehr nett von ihm, denn nun können wir davon ausgehen, dass auch die übrigen Erdogan-Mitschnitte, die auf Youtube stehen, Originale sind.

Und so dürfen wir unsere Stammtisch-Vorurteile dank Erdogans Offenheit vollauf bestätigt fühlen. Zum Beispiel, weil Erdogan in einem Telefonat seinen Sohn Bilal auffordert, eine Menge Geld aus dem Haus zu schaffen. Oder weil er einen Unternehmer auffordert, die Vergabe eines Rüstungsauftrages an einen Konzern anzufechten, der der Regierung in Ankara unangenehm aufgefallen war; der Vertrag wurde kurz darauf in der Tat annulliert.

Erdogan hat sich um die politische Bildung verdient gemacht. Er hat belegt, dass manche Politiker tatsächlich so sind, wie Fritz Müller am Stammtisch sich das vorstellt. Und nun hat er noch eins draufgesetzt. Nach den Kommunalwahlen, so hat Erdogan erklärt, will er soziale Netzwerke verbieten. Zu denen zählt auch Youtube. Und so gibt der türkische Premier jenen Futter, die schon immer glaubten, dass Politiker ihre eigenen Verfehlungen gerne dadurch kaschieren, dass sie jene abstrafen, die den Skandal enthüllt haben. Fazit: Erdogan ist ein Star – aber, bitte, holt ihn da raus aus dem Amt.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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