Kolumne: MyGration

Lob des Minderwertigkeitskomplexes

Einwanderer erleben ihre Situation oft als demütigend. Diejenigen, die nicht zu sehr an den Staat glauben, können daraus einen starken konstruktiven Antrieb entwickeln: den Willen zum Aufstieg

Im Grunde genommen muss man Wladimir Putin danken. Zeigt er doch in diesen Tagen, welche Kraft – zerstörerisch und schöpferisch – der gute alte Minderwertigkeitskomplex hat.

Im Falle Russlands gründet sich der Minderwertigkeitskomplex des Präsidenten und sicherlich vieler seiner Landsleute im Verlust der Großmachtrolle nach dem Zerfall der Sowjetunion. Der nagte und nagt an der angeblichen Volksseele, und so wird eine Geschichte, die immer wieder erzählt wird, zur selbsterfüllenden Prophezeiung: die Geschichte vom großen Russland, das im Systemkampf mit dem Westen verloren hat und danach klein gehalten wird. Klein gehalten durch die Nato-Osterweiterung. Klein gehalten durch ein EU-Assoziierungsabkommen mit dem Nachbarn. Klein gehalten durch kleinliche Kritik an angeblich undemokratischen Verhältnissen im Riesenreich.

Es ist der Stoff, aus dem die ersten Kapitel vom Untergang und anschließenden Wiederaufstieg geschrieben sind. Was der gefühlten Erniedrigung folgt, ist der Aufstieg gegen Widerstände, das Starkwerden aus einer Position der Schwäche.

Wenn man sich einmal frei macht von der normativen Bewertung dieses Verhaltens aus westlicher Sicht, dann ist der vermeintliche Nachteil – dieser greifbare Minderwertigkeitskomplex – extrem produktiv. Er treibt den Träger an, setzt Energien frei, lässt Motivation in Handlung ausbrechen. Und ist niemals nur negativ oder nur positiv.

Der Minderwertigkeitskomplex kann schlimm sein, wenn er – wie bei Russlands Putin – auf die Interessen der ukrainischen pro-westlichen Bevölkerung keinerlei Rücksicht nimmt. Er kann schlimm sein, wenn er sich in dämlicher Kriegsbegeisterung Bahn bricht, wie in Teilen der deutschen Bevölkerung im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges, als ein Versailler Vertrag angeblich kollektiv als bittere Niederlage empfunden wurde. Und propagandistisch einiges Material bot für Typen wie Hitler, die Wiedergutmachung versprachen.

Aber es gibt es auch positive Folgen eines an sich bedauerlichen Minderwertigkeitskomplexes. Zum Beispiel beim sozialen Aufstieg der Generation Gerhard Schröder, die aus ärmlichen Nachkriegsverhältnissen aufstieg, diese Geschichte später jedem erzählte (ob man wollte oder nicht) und als Mahnung und Antrieb für den eigenen Ehrgeiz instrumentalisierte. Wer altgediente Sozialdemokraten reden hört, der lauscht Geschichten von schwierigen Starts ins Leben, vaterlosen Familien und dem zweiten Bildungsweg. Geschichten, die letztlich in den Erfolg mündeten.

Was aber so mancher Sozialdemokrat vergisst zu erwähnen, ist die Tatsache, dass dies nicht nur der kostenfreie Zugang zur Schule oder zur Uni möglich gemacht hat – das sicher auch. Sondern ein unbändiger Wille, es selbst zu schaffen, weil einem keiner hilft oder helfen kann. Die Hilfe des Staates war für diese Menschen oft unerreichbar. Für Kinder und Jugendliche ist das, was Sozialpolitiker mangelnde gesellschaftliche Teilhabe nennen, eine Kränkung, die umgedeutet wurde: Der Minderwertigkeitskomplex wird zum Antrieb, der einen das ganze Leben erhalten bleibt, selbst wenn man längst zu Geld und Ruhm gekommen ist.

Wenn man mit beruflich erfolgreichen Migranten spricht, dann begegnen einem genau diese Erzählstränge wieder: Da wird erzählt von erlebten abschätzenden Äußerungen, die einem in der Kindheit deutlich machen, wo man im Vergleich zu den urdeutschen Kindern in der sozialen Rangordnung steht: ganz unten. Und da wird erzählt von dem Satz, der Migrantenkinder der zweiten Generation und teils der dritten und vierten Generation von ihren Eltern eingeimpft worden ist: „Du sollst es einmal besser haben als wir.“ Ein Satz, der zu Härte gegen sich selbst führt. Erfolg wird dabei nicht zur Ego-, sondern zur Schuldfrage den Eltern gegenüber.

Natürlich stellt sich die Frage, warum dann erlittene Minderwertigkeitsgefühle nicht automatisch zu großartigen Leistungen führen. Erstens, diese Frage ist problematisch, weil man aus ihr schließen könnte, Kränkungen und Demütigungen seien eine gute Sache, die deshalb vorsätzlich zugefügt werden sollten – sozusagen als Dosis Gift, um den Heilungsprozess anzustoßen. Eine fatale Vorstellung.

Zweitens, tatsächlich fallen Unterschiede etwa bei den Bildungserfolgen von bestimmten Migrantengruppen auf. Mehrere Studien zeigen, dass Migranten, die aus Vietnam stammen, überdurchschnittlich häufig Abitur machen in Deutschland (überdurchschnittlich im Vergleich zu anderen Einwanderern, aber auch zu Deutschen). Bei anderen Gruppen – etwa italienischstämmigen oder türkischstämmigen Menschen – sind die Quoten schlechter, auch wenn sie sich seit Jahren verbessern.

Woran liegt das? An der Migrationssituation selbst kann es ja nicht liegen, zumal sich die Geschichten da ähneln. An diesem Punkt entstehen die kulturalistischen und rassistischen Diskussionen, die so falsch sind, dass man sie lieber heute als morgen abschaffen sollte. Wahlweise wird Religion oder eine irgendwie behauptete „kulturelle Prägung“ als Grund für die verschiedenen Bildungserfolge angeführt. Daraus werden dann Geschichten von kultureller Überlegenheit beziehungsweise Unterlegenheit gesponnen. Die vermeintliche Kultur wird so zum festen Korsett, das unabänderlich die Luft wegschnürt.

Es gibt plausiblere Erklärungen, zum Beispiel die eines Münsteraner Politikwissenschaftlers: Aladin El-Mafaalani stellt fest, dass sowohl vietnamesische als auch türkischstämmige Eltern dieselben hohen Erwartungen an die Schulleistungen ihrer Kinder haben. Der Unterschied aber liege darin, dass die Vietnamesen eher der Auffassung seien, die Leistungen der Sprösslinge seien Sache des persönlichen Fleißes. Bei den Türkischstämmigen hingegen glaubten die Eltern, Leistung werde durch die Lehrer, die Schule und das Bildungssystem bei ihren Kindern abgerufen. Dazu passend ist das überdurchschnittliche Vertrauen, das laut Umfragen türkische Einwanderer in die staatlichen Institutionen setzen. Die meisten Bildungsdebatten blasen ins gleiche Horn: In der Regel sind sie Systemdebatten.

Für die reale Integrationspolitik bedeutet diese Erkenntnis: Nötig wäre ein Paradigmenwechsel weg vom versorgenden Staat hin zum unterstützenden Staat. Konkret: Die Integrationspolitik der Zukunft sollte sich vor allem darum kümmern, die für Einwanderer bestehenden Hürden abzubauen. Integrations- und Sprachkurse können für Neuankömmlinge sinnvoll sein, aber viel mehr als Sprach- und Orientierungshilfen braucht es nicht. Danach zählen Eigenverantwortung und Eigenantrieb, aus der anfänglich oft als schwer empfundenen Anfangssituation von Einwanderern in Deutschland herauszukommen.

Der Minderwertigkeitskomplex der Migranten kann Positives bewirken, wenn Einwanderer für sich die richtigen Schlüsse ziehen, sich selbst und ihre Fähigkeiten wichtiger als die staatliche Hilfe nehmen, und wenn die alteingesessene Mehrheitsgesellschaft von ihren Diskriminierungen und übellaunigen Abwehrreflexen gegen Einwanderer ablässt. Der Antrieb, es einmal besser haben zu wollen, liegt ja in der Migrationssituation begründet.

Martin Benninghoff, Journalist und Redakteur von „Günther Jauch“ in Berlin, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt. Seine OC-Kolumne MyGration erscheint jeden zweiten Mittwoch.

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