Kolumne: Moneytalk

Russisch Roulette

Wenn Börsianer etwas gar nicht mögen, ist es Unsicherheit. Doch genau die geht aktuell von der Krise in der Ukraine aus. Niemand kann halbwegs verlässlich voraussagen, wohin der Konflikt noch führt, wie sich Sanktionen des Westens gegen Russland und mögliche Vergeltungsmaßnahmen Moskaus auswirken. Daher dürften sich die Aktienmärkte in nächster Zeit zwischen Hoffen und Bangen bewegen und erheblichen Schwankungen ausgesetzt sein

Sorgten die Unruhen in der Ukraine zu Beginn vergangener Woche noch für einen Kurseinbruch an den Börsen, bewirkten Entspannungssignale vorübergehend eine Erholung. Gegen Ende vergangener und Anfang dieser Woche nahm die Furcht vor einer politischen und militärischen Eskalation dann wieder zu und schickte die Kurse erneut auf Talfahrt. Die weltweit auf Grund der Krim-Krise zu beobachtende Zunahme der Risikoaversion der Anleger führte dazu, dass Fluchtkapital unter anderem in die Euro-Kernländer floss, insbesondere in deren Märkte für Staatsanleihen.

Wie schon häufig in der Vergangenheit, betrachteten Investoren zudem die US-Börsen als „sicheren Hafen“. Dort erklomm der breite Aktienindex S&P 500 sogar ein neues Allzeithoch. Mit einem Kurszuwachs von knapp 180 Prozent und einer Dauer der Aufwärtsphase von nunmehr fünf Jahren scheint der Bullenmarkt im historischen Vergleich allmählich in seiner Reifephase angelangt.

Die meisten Aktienstrategen gehen im Moment nicht davon aus, dass es zu einer weiteren Eskalation des Krim-Konflikts kommen wird. Die bisher verkündeten Sanktionen seien ökonomisch zu vernachlässigen, deshalb seien in den kommenden Wochen keine nachhaltigen Effekte an den Börsen zu erwarten, so die vorherrschende Meinung. Je nach Nachrichtenlage zum Thema Ukraine dürften die Notierungen vorerst aber kräftig schwanken.

Als wenig förderlich für die Fortsetzung der Hausse an den Aktienmärkten könnte sich erweisen, dass die Vorgänge in der Ukraine auch die Probleme der angeschlagenen Emerging Markets wieder stärker ins Bewusstsein der Anleger rücken. Diese hatten bereits vor einigen Wochen für Verstimmung an den Märkten gesorgt, waren zuletzt jedoch in den Hintergrund getreten.

Tendenziell gestützt wurden die Aktienmärkte durch die meisten jüngst veröffentlichten Konjunkturzahlen, die den Aufwärtstrend der Weltwirtschaft bestätigten. Harte Daten, beispielsweise der Auftragseingang in Deutschland, die Konsumausgaben und Beschäftigungszahlen in den USA und der Einzelhandelsumsatz in der Eurozone, fielen besser aus als erwartet.

Weniger einheitlich war das Bild bei wichtigen Frühindikatoren: In China setzte sich die Schwäche beim HSBC-Einkaufsmanagerindex fort, er fiel von 49,5 auf 48,5 Punkte. Positiv überraschte dagegen der wichtige ISM-Einkaufsmanagerindizes der US-Industrie, der von 51,3 auf 53,2 Zähler nach oben ging. Zur Erinnerung: Ein Stand von über 50 Punkten deutet auf Wachstum der Wirtschaft hin. Mit Besserung der Wetterlage in den Vereinigten Staaten dürften sich die Erholungstendenzen in den kommenden Monaten fortsetzen.

Global betrachtet ist der konjunkturelle Aufwärtstrend, der seit Mitte 2012 maßgeblich zum Rückgang der Risikoprämien an den Aktienmärkten beigetragen hat, intakt. So ist der JPMorgan Global Manufacturing Index zuletzt von 53,0 auf 53,5 Punkte gestiegen und hat damit den höchsten Stand seit 34 Monaten erreicht.

In der zweiten Märzwoche warten Börsianer mit Spannung auf die US-Einzelhandelsumsätze am Donnerstag. Von den Zahlen erhoffen sie sich Rückschlüsse darauf, ob die Notenbank Fed an ihrer Politik der langsamen Straffung der Geldpolitik festhalten wird. Von Reuters befragte Analysten sagen für Februar einen Anstieg von 0,2 Prozent zum Vormonat voraus, nach einem Minus von 0,4 Prozent im Januar.

Ebenfalls am Donnerstag sollen die Zahlen zur chinesischen Industrieproduktion bekanntgegeben werden. Spekulationen um eine deutliche Abkühlung der dortigen Konjunktur hatten in den vergangenen Monaten mehrfach Unruhe an den Finanzmärkten aufkommen lassen. Volkswirte erwarten, dass die Industrieproduktion im Februar um 9,5 Prozent gegenüber Vorjahr gewachsen ist, nach zuvor 9,7 Prozent.

Optimistischer blicken Analysten auf die Entwicklung der Euro-Zone. Sie gehen davon aus, dass die Industrieproduktion auf dem alten Kontinent im Januar um 0,5 Prozent angezogen hat. Im Dezember war sie um 0,7 Prozent gefallen.

Für eine Enttäuschung sorgte zuletzt die Europäische Zentralbank (EZB). Entgegen den Erwartungen einiger Notenbank-Beobachter beschloss der Zentralbankrat  keine weitere geldpolitische Lockerung und stellte eine solche auch nicht in Aussicht. Die unmittelbare Reaktion an der Börse war dennoch gering. Die Zentralbank sagt für die Eurozone weiterhin eine moderate Konjunkturerholung und bis 2016 Inflationsraten von durchschnittlich 1,5 Prozent voraus.

Eine weitere Leitzinssenkung scheint vorerst vom Tisch zu sein, noch weit unwahrscheinlicher ist auf absehbare Zeit allerdings eine Anhebung. Sollten sich die Konjunkturdaten unerwartet verschlechtern, steht die EZB für weitere Lockerungsmaßnahmen bereit. Durch die voraussichtlich noch lange negativ oder zumindest extrem niedrig bleibenden Realzinsen wirkt die Geldpolitik weiterhin expansiv und unterstützend für Aktien.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne “Moneytalk” jeden Dienstag.

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