Zukunft der Journalismus

Wacht endlich auf, Journalisten

Redakteure erklären ihren Lesern gerne die Welt. Doch dass sie mitunter nicht einmal die Welt verstehen, in der sie selber leben, beweist ein absurder Konflikt bei der „Süddeutschen Zeitung“

Im Internet passiert mal wieder etwas sehr Putziges. Zu Dutzenden präsentieren sich derzeit auf einer Website Journalisten, darunter „Bild“-Chef Kai Diekmann, mit Fotos, die sie im Kapuzenshirt zeigen. Das sieht mitunter lustig aus, aber die Aktion hat einen ernsten Hintergrund. Denn es geht um die Frage, wie wirklichkeitsfern Journalisten sind.

Angefangen hat alles mit einem Bericht der „Zeit“, die vermeldete, dass es bei der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) einen Kampf gibt. Das Blatt will den Chef seiner Online-Redaktion in die Chefredaktion der gedruckten Zeitung holen. Und dagegen gibt es hausintern Widerstand. Die Mehrheit der leitenden SZ-Redakteure lehnt die Berufung ab, unter anderem, weil der Kandidat ein reiner Redaktionsmanager sei, sich nicht mit Artikeln profiliert habe und darüber hinaus auch noch „Kapuzenpulliträger“ sei, sprich: so gut wie nie Sakko oder gar Krawatte trägt. Auch die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ berichtete über den Fall und brachte es ernsthaft fertig, den Kandidaten als „Internetexperten“ abzutun und ihm die journalistische Kompetenz abzusprechen.

Der Streit, der zu der Kapuzenshirt-Solidaritätsaktion anderer Journalisten geführt hat, ist ein Anachronismus. Denn seit Jahren verlieren Zeitungen an Lesern, an Anzeigen, an Erlösen. Etliche wie die „Financial Times Deutschland“ oder die „Westfälische Rundschau“ mussten ihr Erscheinen einstellen, andere wie die „Frankfurter Rundschau“ oder die Münchner „Abendzeitung“ existieren nur noch als Schatten ihrer selbst. Auto-, Immobilien- oder Stellenanzeigen finden die Leser besser und einfacher im Internet als in einer Zeitung, journalistische Inhalte konsumieren sie rapide zunehmend über Websites und vor allem die Apps ihrer Smartphones. Angesichts dieses Trends sind Zeitungen, zumal wegen des teuren Drucks und des noch teureren Vertriebs, definitiv totgeweiht. Wenn sie überhaupt eine Zukunft haben, dann liegt sie im Internet.

In dieser Situation es degoutant zu finden, wenn der Chefredakteur einer renommierten Website auch Chefredaktionsmitglied der sterbenden Printausgabe werden soll, ist geradezu absurd. Es zeigt, dass Printjournalisten möglicherweise die Ukraine-Krise ganz ordentlich erklären können oder auch die Euro-Krise, aber definitiv nicht ihre eigene Lebenssituation. Dünkel, Gewohnheiten, Voreingenommenheit verleiten sie dazu, die falschen Schlüsse zu ziehen.

Denn die Zeitung als solche ist totgeweiht, und der Tod wird einmal auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und die „Süddeutsche Zeitung“ ereilen. Denn sie sind ein Anachronismus, weil die digitale Informationsübermittlung schlichtweg schneller, einfacher und vor allem für die Verlage billiger ist. Sich angesichts dieser Fakten gegen die Berufung eines Digitalmannes in die Chefredaktion einer Zeitung zu sträuben, wo er den Übergang von Print zu Online steuern soll, ist schlichtweg dumm und realitätsfern.

Andreas Theyssen, Autor und Berater in Berlin, hat mehr als 30 Jahre im Printjournalismus gearbeitet. Er erlebte, dass vier seiner Zeitungen mangels ausreichender Erlöse geschlossen wurden, eine fünfte hat jüngst Insolvenz angemeldet.

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