Kolumne: Mein Held der Woche

Wir haben Verständnis, Helmut Schmidt

Der Altkanzler hat Verständnis für Wladimir Putins Ukraine-Politik. Darüber sollte man sich nicht aufregen, sondern Verständnis haben. Wir haben es

Natürlich wieder diese Grünen. Mussten sich mal wieder aufregen, Cem Özdemir, der berufsjugendliche Parteichef, vorneweg. Faselte gleich irgendetwas von internationalem Recht, und dass Russland Präsident Wladimir Putin es durch die Krim-Anexion gebrochen habe und dass Helmut Schmidt, dieser unser Altkanzler, für Putins Handeln auf keinen Fall Verständnis zeigen dürfe.

Ach Gottchen, das war so billig, so vordergründig, so einfach. Zig Leute finden es ganz okay, was Putin da auf der Krim angerichtet hat und demnächst mit seinen Truppen ohne Hoheitsabzeichen in der Ost-Ukraine anrichten wird. Leute wie Gerhard Schröder, noch so ein Altkanzler, oder auch Jakob Augstein, Herausgeber der Wochenzeitung „Freitag“. Aber nein, Özdemir musste sich ausgerechnet Helmut Schmidt aussuchen, den wir Deutschen für uns als wandelndes politisches Gewissen entdeckt haben.

Natürlich hat Özdemir recht. Natürlich erzählt Schmidt absoluten Bullshit. Denn Völkerrecht ist Völkerrecht, und das gilt auch für Putin. Aber man darf nicht auf den alten Mann eindreschen, man muss Verständnis für Schmidt haben.

Der betagte Altkanzler ist eben anders sozialisiert worden als unsereiner. Und zwar in einer Zeit, in der Verständnis groß geschrieben war. Zum Beispiel als etwa der britische Premier Neville Chamberlain sehr viel Verständnis dafür hatte, dass Adolf Hitler sich die Tschechoslowakei einverleiben wollte. Man hatte damals viel Verständnis für Chamberlain, denn sein Weggucken diente ja der guten Sache des Weltfriedens.

Man muss auch Verständnis dafür haben, dass Schmidt es nicht so schlimm findet, wenn ein Präsident einem Nachbarland militärisch ein Stück abzwackt. Der Altkanzler ist das so gewohnt. Schließlich war er selber als Wehrmachtsleutnant in Russland, das per se eigentlich nicht zum Einsatzraum deutscher Soldaten zählt.

Man muss aber auch für etwas anderes Verständnis haben. Der greise Schmidt hat so sehr Gefallen gefunden an seiner Rolle als beliebtester politischer Querbürster der Deutschen, dass er schon aus Prinzip gegen den Strich bürsten muss. Zur Not sogar wider besseres Wissen. Das gebietet ihm einfach die eigene Eitelkeit. Und dafür haben wir vollstes Verständnis.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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