Kolumne: Moneytalk

Zurück auf der Achterbahn

Erstmals seit Dezember 2013 fällt der DAX vorübergehend unter die 9.000-Punkte-Marke. Neben den politischen Spannungen in der Ukraine belastet die Eurostärke die Aktienmärkte. Sie ist auch EZB-Chef Mario Draghi ein Dorn im Auge

Im Vergleich zum US-Markt hat sich der europäische Aktienmarkt insgesamt seit Ende Februar deutlich schwächer entwickelt. Das ist keine Überraschung, da der Krisenherd quasi vor der Haustür der Eurozone liegt. Außerdem legen Investoren im Fall internationaler Turbulenzen auf der Suche nach sicheren Häfen  in der Regel ihr Geld verstärkt in US-Wertpapieren an. Das erklärt, warum sich amerikanische Aktien zuletzt besser gehalten haben als europäische Werte.

Überraschend ist dagegen, warum dies nicht zu einem festeren US-Dollar geführt hat. Die Erklärung hierfür dürfte sein, dass offensichtlich auch jede Menge Geld in Euro-Anleihen, insbesondere in Bundesanleihen, geflossen ist, die als sicher angesehen werden. Die damit einhergehende Aufwertung des Euro auf fast 1,40 Dollar hat die Börsen ebenfalls belastet, da sie sich tendenziell negativ auf die Unternehmensgewinne auswirkt.

Die starke Gemeinschaftswährung bereitet nicht nur Börsianern Kopfzerbrechen, sondern auch dem Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi – allerdings aus anderen Gründen. Bei einer Rede in Wien warnte Draghi, die Mischung aus niedriger Inflation und gestiegenem Euro-Wechselkurs bilde eine brisante Mischung. An den Finanzmärkten wurde das so interpretiert, dass man in der EZB über die Stärke des Euro allmählich besorgt sei, da man über den hohen Wechselkurs sinkende Inflation bis hin zu Deflation importieren könnte. Zudem droht er die Exporte der Eurozone zu bremsen, und gefährdet damit die ohnehin alles andere als stabile konjunkturelle Erholung. Das schürt zusätzliche Deflationsängste.

Zuletzt lag die Inflationsrate Eurolands bei 0,8 Prozent, also weit unterhalb des EZB-Ziels von knapp unterhalb zwei Prozent. Geht der Abstand zum negativen Bereich weiter zurück, bleibt der Notenbank an herkömmlichen geldpolitischen Mitteln kaum noch Spielraum. Der Leitzins liegt mit 0,25 Prozent längst auf historischem Tief, eine nochmalige Senkung dürfte wenig bringen.

EZB-Beobachter rechnen damit, dass Draghi keine Leitzinssenkung vornehmen wird, solange der Euro unterhalb 1,40 Dollar notiert. Gemäß einer Faustregel bewirkt eine Aufwertung des Euro um zehn Prozent bis zu 0,5 Prozentpunkte weniger Inflation. Sollte der Kurs deutlich über die 1,40 Dollar steigen, würde eine nochmalige Zinssenkung sehr wahrscheinlich.

Möglich wären auch Eingriffe am Devisenmarkt, um den Euro-Außenwert zu drücken. Die Bemerkungen Draghis zur Eurostärke können durchaus als erster Schritt in diese Richtung verstanden werden. Offenbar wurden sie an den Finanzmärkten tatsächlich so aufgefasst, da die Worte des EZB-Präsidenten den Höhenflug des Euro zunächst stoppten. Die Volkswirte der Commerzbank stuften Draghis Bemerkungen als Wink mit dem Zaunpfahl ein, nachdem die Märkte seine Äußerungen nach der Februar-Sitzung des EZB-Rats zum Einfluss des Wechselkurses auf die Inflation mehr oder weniger ignoriert hatten.

Diese Woche findet die erste Sitzung der Fed mit Janet Yellen als Vorsitzender statt. Es gilt als sicher, dass sie den von ihrem Vorgänger begonnenen behutsamen Ausstieg aus dem Wertpapierkaufprogramm fortsetzen wird. Darüber hinaus stehen in den USA einige wichtige Konjunkturdaten zur Veröffentlichung an, insbesondere die Industrieproduktion für Februar, die noch unter dem teilweise extremen Winterwetter gelitten haben dürfte. Dagegen werden die Zahlen vom US-Immobilienmarkt wie Baubeginne und  -genehmigungen für den Februar nach einem mäßigen Januar wohl wieder besser aussehen.

Für die Eurozone und Deutschland wird jeweils der ZEW-Index der Konjunkturerwartungen für den März bekanntgegeben, der stark von den Entwicklungen an den Finanzmärkten beeinflusst wird. Angesichts der jüngsten Schwäche an den Aktienmärkten und der Unsicherheit über den Fortgang der Krise in der Ukraine gehen Analysten von einem Rückgang aus. Ungeachtet dessen sollte die Beurteilung der aktuellen Konjunkturlage in Deutschland wegen der zuletzt guten Daten zu Industrieproduktion, Auftragseingang und Export sich noch etwas verbessert haben.

Auf kurze Sicht sprechen vor allem die relative Unterbewertung gegenüber den Rentenmärkten und die beginnende Dividendensaison zu Gunsten der Aktienmärkte. Gegen eine Wiederaufnahme des Aufwärtstrends spricht allerdings, dass die Zeichen in der Krim-Krise weiterhin auf Konfrontation stehen. Eine drohende Verschärfung der Sanktionen macht negative ökonomische Auswirkungen zunehmend wahrscheinlich. Die daraus resultierenden Risiken treffen vor allem den deutschen Aktienmarkt, ein Grund, warum sich der DAX zuletzt bereits schwächer entwickelt hat als andere Aktienindizes.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne “Moneytalk” jeden Dienstag.

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