Kolumne: Auf einen Klick

„Bild“ hat auch mal Recht

Ein Redakteur der „Bild“-Zeitung verfasst eine Konzertkritik – und erntet einen Shitstorm der Motörhead-Fans. Der Fall belegt: Journalismus ist für viele offenbar nur dann guter Journalismus, wenn er der eigenen Meinung entspricht

Es gibt viele gute Gründe, Springer und die „Bild“-Zeitung nicht zu mögen. Sehr, sehr viele (als Nachhilfe www.bildblog.de). Und deshalb gibt es auch viele, viele gute Anlässe, sich über den Verlag und dessen Erzeugnisse zu beschweren. Aber es gibt auch es gibt auch viele falsche.

Das jüngste Beispiel dafür liefert der Netzaufruhr, den eine Konzertkritik über Motörhead ausgelöst hat. Sie erschien bei „Metal Hammer“, Springers Magazin für die noch nicht vergreisten Metal-Fans (verkaufte Auflage 33.000). Kritik-Autor Dirk Benninghoff (mein Ex-Kollege aus gemeinsamen Zeiten bei der „Financial Times Deutschland“) ist vom Auftritt der Band enttäuscht: “Die Stimme dünn, die Beine wacklig, er quält sich”, schreibt er über Frontmann Lemmy Kilmister – und verweist zugleich auf dessen gesundheitliche Probleme. Der Abschluss des Textes klingt wie der wehmütige Nachruf eines trauernden Fans.

Nun muss man die Einschätzung nicht teilen – wer nicht dabei war, weiß es zumindest nicht besser. Die Band selbst aber geht zu weit: Sie bezeichnet die Kritik als Beleidigung von Millionen Motörhead-Fans und ruft zum Shitstorm gegen Benninghoff auf. Wobei es offenbar hilft, dass er auch noch Chef vom Dienst bei Bild.de ist.

Und der Shitstorm kommt. Ein Auszug, im orthografischen Original: “Bild is the legacy of Göbbels” (Tom Schmiddler). “Bild=literarischer Dünnschiss” (Michael Holzhauer). “Das geht nicht, Juden!” (Reginald Dunlop). “Ich hätte so ´nen Reporter-Praktikanten fristlos entlassen!” (Michael Soost) “Was erwartet man auch sonst von einem BILD reporter. drecks blatt! (Lukas Kfeld).

Nun ist das Shitstorming-Phänomen nicht neu. Das macht es aber nicht besser. Im Gegenteil. Die Episode zeigt, was so schief läuft in der Mediendebatte.

Band und Fans haben offenbar nicht verstanden, wozu eine Konzertkritik gut ist. Sie soll nicht nur einen Eindruck liefern vom Geschehenen für all jene, die nicht dabei sein konnten. Sie ist immer auch ein Angebot zur Debatte und zur Reflexion, was man von einem Kulturereignis erwarten darf. Was ist ein gutes Konzert? Was ist eine gute Performance? Sind 50 Minuten ausreichend, angesichts des Eintrittspreises und der Erwartungen? Kritik heißt, dass man das Geschehen nicht einfach akzeptiert, sondern kritisch hinterfragt. Und es mit einer gewissen Distanz beurteilt, statt es fan-ideologisch schwarz-weiß zu malen.

Der Springer-Redakteur macht also genau das, was Springer-Kritiker eigentlich einfordern. Als Lohn werden aber „Bild“ und Springer hier pauschal abgekanzelt. Nur, weil sie „Bild“ und Springer sind, werden ihnen sämtliche Fähigkeiten und jeglicher Respekt abgesprochen. Die Kritiker machen also genau das, was sie sonst dem Verlag vorwerfen. Sie könnten sich über ihn erheben, ihm vormachen, wie man es besser macht: Nicht diffamieren, sondern differenzieren. Auch „Bild“-Redakteure sind Menschen, mit Anspruch, Ehrgeiz, Ausbildung und Erfahrung. Aber sich mit der Sache auseinanderzusetzen, ist natürlich den Kritikern zu schwer. Und das nur, weil ein Medium einer anderen Meinung ist als sie selbst.

Aber das ist wahrscheinlich ohnehin das Hauptproblem in der Mediendebatte. Ihnen wird “mangelnde Qualität” vorgeworfen. Gemeint ist aber, dass sie etwas anderes schreiben, was auch mal der eigenen Meinung, den eigenen Vorurteilen widerspricht. Sie sprechen abschätzig von “Mainstream-Medien”, von Journalisten, die angeblich irgendeiner Mehrheitsmeinung hinterherzulaufen, statt sich eine eigene zu bilden. Doch letzteres ist offenbar nur statthaft, wenn am Ende die Meinung des Journalisten der Meinung des Lesers entspricht.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 17 Bewertungen (4,59 von 5)