Kolumne: Moneytalk

Börsen auf Berg- und Talfahrt

Wer gedacht hatte, die Aktienmärkte hätten die Krise in der Ukraine abgehakt, wurde eines Besseren belehrt. Entsprechend wiesen die Aktienindizes vergangene Woche vorübergehend teils deutliche Verluste auf, bevor sich die Kurse zuletzt dann aber doch erholen konnten. Derzeit scheint nur gewiss zu sein, dass in den kommenden Wochen weiter mit kräftigen Schwankungen der Notierungen zu rechnen ist

Besonders die Ukraine-Krise dürfte Anleger noch längere Zeit verunsichern. Die Lage bleibt unübersichtlich und gefährlich – Botschaften, die Hoffnungen auf Entspannung schüren wechseln sich immer wieder mit Nachrichten ab, die für Ernüchterung sorgen. Nachdem in der Ostukraine prorussische Kräfte an Einfluss gewinnen und die Übergangsregierung in Kiew ihnen hilflos gegenübersteht, steigt die Angst vor einem Bürgerkrieg. Außerdem werden schärfere Sanktionen des Westens gegenüber Russland mit negativen ökonomischen Folgen für die europäische Wirtschaft wahrscheinlicher.

Per Saldo weitgehend neutral wirkte vergangene Woche die angelaufene Unternehmens-Berichtssaison für das erste Quartal 2014 auf die Aktienmärkte. Einem positiven Wochenauftakt durch die unerwartet guten Zahlen der Citigroup folgten einige Enttäuschungen, beispielsweise Credit Suisse, Bank of America und SAP. Gemessen an den Prognosen verläuft die Berichtssaison bislang etwas schlechter als im Vorquartal, wobei allerdings erst relativ wenig Firmen ihre Zahlen vorgelegt haben. Vorerst stehen weiterhin US-Unternehmen im Vordergrund. So präsentieren in der neuen Woche unter anderem McDonalds, Apple, Facebook, Microsoft und Amazon ihre Quartalsergebnisse.

Positive Impulse für die Aktienmärkte kamen von der Konjunkturseite. In China betrug das Wirtschaftswachstum im ersten Vierteljahr 7,4 Prozent und übertraf damit leicht den Marktkonsens, der bei 7,3 Prozent lag. In den USA wurden die Prognosen der Analysten gleichfalls übertroffen, die Industrieproduktion stieg von Februar bis März um 0,7 Prozent, der Einzelhandelsumsatz gar um 1,1 Prozent. Nach der witterungsbedingten Schwäche im Winter scheint die amerikanische Wirtschaft wieder Fahrt aufzunehmen. Bestätigt wurde der Eindruck einer beschleunigten US-Konjunktur durch das Beige Book der Notenbank Fed, das über die wirtschaftliche Entwicklung in den einzelnen Regionen der USA Auskunft gibt. Überraschend stark schlug sich die Verunsicherung auf Grund der Ukraine-Krise im ZEW-Index der Konjunkturerwartungen nieder: Die befragten Finanzmarktprofis zeigten sich wesentlich skeptischer als im März, das Konjunkturbarometer fiel von 46,6 Punkten auf 43,2 Zähler im April. Dagegen wurde die konjunkturelle Lage ungewöhnlich stark eingeschätzt, der entsprechende Teilindex sprang von 51,3 auf 59,5 Punkte.

Befragungen signalisieren, dass professionelle Investoren für die Weltwirtschaft grundsätzlich weiter optimistisch eingestellt sind. Nach der internationalen Fondsmanagerumfrage von Bank of America/Merrill Lynch von April erwarten netto 62 Prozent der Befragten (Saldo der Antworten) auf Sicht von zwölf Monaten eine bessere Weltkonjunktur. Dementsprechend werden Aktien von der deutlichen Mehrheit der Fondsmanager relativ zu ihrer Benchmark übergewichtet, wobei der Anteil im April wieder auf netto 45 Prozent gestiegen ist von netto 36 Prozent im März. Eine gefährliche Euphorie signalisieren die Umfragedaten trotz der Aktienübergewichtung insgesamt aber nicht, was besonders aus der im April zwar leicht von 4,8 Prozent auf 4,6 Prozent gesunkenen, im historischen Vergleich jedoch immer noch ziemlich hohen durchschnittlichen Liquiditätsquote geschlossen werden kann.

Andere Indizes, welche die Stimmung der Anleger messen, liegen derzeit auf neutralem Stand. Zu Jahresbeginn waren sie noch auf ausgesprochen hohen Niveaus gelegen und waren damit negativ interpretiert worden. Mit der durchwachsenen Kursentwicklung seit Jahresbeginn haben sich die vielfach euphorischen Werte nun normalisiert. Ob der generelle Optimismus der Investoren für die Weltkonjunktur gerechtfertigt wird, steht in der kommenden Woche mit der Veröffentlichung wichtiger Frühindikatoren auf dem Prüfstand.

Mit Spannung sehen hiesige Börsianer vor allem dem ifo-Geschäftsklimaindex für April entgegen. Er wird zeigen, ob neben Fondsmanagern und Aktienanalysten auch die Manager in den Unternehmen weniger optimistisch in die Zukunft blicken als noch im März. Am Markt geht man von einem moderaten Rückgang von 110,7 auf 110,4 Punkte aus. Werden die Erwartungen – ähnlich wie beim ZEW-Index – kräftig unterschritten, dürfte das dem DAX zumindest vorübergehend einen Dämpfer verpassen. Doch auch die Einkaufsmanagerindizes für die Industrie in China, den USA und dem Euro-Raum werden neue Erkenntnisse über den Zustand der wirtschaftlichen Erholung in den jeweiligen Ländern beziehungsweise Regionen liefern. Wichtig sind darüber hinaus die aus den USA kommenden Zahlen zu Verkäufen bestehender Häuser, zu Neubauverkäufen sowie zum Auftragseingang langlebiger Güter.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne “Moneytalk” jeden Mittwoch.

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