Kolumne: Auf einen Klick

Boykottiert den Boykott!

Heutzutage reicht es anscheinend nicht mehr, eine dumme Meinung zu ignorieren. Haben Prominente eine Meinung, werden sofort Boykottaufrufe via Twitter und Facebook gestartet. Dabei schadet so etwas nur dem vermeintlich guten Anliegen

Heutzutage muss unsereiner ja viel Neues lernen: Wie man twittert, facebookt, bloggt, tumblert oder googelt. Dabei scheint vielen eine unterschätzte Fähigkeit verloren gegangen zu sein: das Ignorieren.

Es gibt viele dumme Menschen in der Welt, mit unsinnigen, verqueren, altbackenen, radikalen, unzeitgemäßen Ansichten. Manche davon sind zufällig nicht nur dumm, sondern zum Beispiel auch noch Unternehmer, Lokalpolitiker, Schauspieler, Amateurfußballer oder ähnlich Glamouröses. Und sie neigen dazu, sich hin und wieder zu äußern.

Darauf kann man reagieren. Muss man aber nicht.

Nun gibt es allerdings die Massenverbreiter Twitter und Facebook. Seitdem fühlt sich jeder nicht nur dazu verpflichtet, eine Dummheit sofort zu kommentieren. Sondern weil das offenbar nicht aktiv genug ist, wird gleich zum Boykott des jeweiligen Unternehmers, Lokalpolitikers, Schauspielers usw. aufgerufen. Sowie seiner Produkte, Partei, Werbe- und Geschäftspartner.

Jüngstes Opfer dieses Boykottismus ist Brendan Eich, Chef von Mozilla, den Entwicklern des alternativen Firefox-Browsers. Eich hatte vor sechs Jahren mal 1000 Dollar für eine Kampagne gespendet, die sich gegen Homo-Ehen in Kalifornien wendet. Wie gesagt, vor sechs Jahren.

Nun muss man seine Haltung nicht teilen. Man kann sie borniert, unchristlich, ja sogar verfassungswidrig finden, weil er damit Homosexuellen die Gleichstellung absprach.

Aber rechtfertigt das sofort einen Boykottaufruf gegen Firefox? Seit Tagen quillt Twitter über vor weitergeleiteten Aufrufen, inzwischen haben sich sogar andere Unternehmen dem angeschlossen, etwa die Online-Dating-Seite OKCupid oder die Softwareentwickler Rarebit. Er soll sich nicht nur für seine Haltung entschuldigen, sondern gar zurücktreten.

Warum reicht es nicht, ihn einfach zu ignorieren? Einfach weglächeln, Schultern zucken über diesen Mann, von dem vorher wohl nur die wenigsten etwas gehört hatten. Ihm erst gar keine Aufmerksamkeit schenken. Erst recht, wenn es sechs Jahre bereits her ist.

Boykottaufrufe haben natürlich den Charme, ein Gefühl von Macht zu suggerieren. Ich kaufe nicht mehr bei dem Unternehmen, nutze nicht länger seine Produkte und zwinge es damit in die Knie. Es ist die aktivste Form, sich selbst zum Handelnden der Zeitgeschichte zu stilisieren.

Wer kritisiert, kann überhört, wer schweigt, übersehen werden. Wer dagegen boykottiert, muss von anderen wahrgenommen werden. Ich boykottiere, also bin ich. Und zwar jemand besonderes, der sich mit den angeblichen Mächtigen anlegt. Und es ist so einfach. “#boykott” schreibt sich viel leichter in ein 140-Zeichen-Tweet als differenzierte, wohl überlegte Argumente.

Dabei nutzen Boykotte nicht wirklich etwas, sie schaden sogar.

Eich und seine Gleichgesinnten zum Beispiel wird diese Aktionsform kaum bekehren. Ein Boykott ist kein Argument, das überzeugt. Es ist ein Machtinstrument, ein wirtschaftliches Folterwerkzeug. Es unterdrückt die andere Seite, degradiert ihre Ansichten und Haltungen, denn es ist kein Gesprächsangebot, sondern dessen Verweigerung. Es bringt den Boykottierten in eine Defensive, in der er nun noch falsch handeln kann. Wie soll denn Eich nun reagieren: Entweder, er entschuldigt sich, ändert seine Meinung. Das ist aber nicht glaubwürdig. Oder er schweigt. Und rechtfertigt damit die Fortsetzung des Boykotts. Er und ähnlich Meinende werden sich gar als Opfer des Meinungsmainstreams verfolgt sehen, werden sich abkapseln statt sich den Argumenten der anderen Seite zu öffnen.

Warum sollte es überhaupt eine Rolle spielen, welche politische Haltung ein Unternehmer oder Schauspieler hat? Entscheidend ist doch eher, was für ein Produkt sie abliefern. Wenn man künftig vor allem danach konsumiert, ob die Haltung des Produzenten einem passt, schadet man sich doch nur selbst.

Der Fall Mozilla ist dafür ein gutes Beispiel. Mit dem Firefox-Internetbrowser war man angetreten, eine Alternative zu dem Browsern der Gigakonzerne Microsoft, Apple und Google anzubieten. Einer, der offen ist für die Entwicker und individuell anpassbar auf die Wünsche der Nutzer. Mit Firefox setzte sich das Tabbed Browsing durch, die Werbeblocker, die Youtube-Downloader und viele andere kleine Helfer.

Und nun? Soll der Firefox-Kritiker tatsächlich zu Google Chrome wechseln – dem Browser des Datenkrakenkonzerns? Oder dem der Geldschneider von Apple, die sich beharrlich Nutzerwünschen verweigern? Oder lieber dem von Microsoft, dem Unternehmen, das mit Marktmacht den Firefox-Vorgänger Netscape in die Knie zwang? Ist eine sechs Jahre alte Spende für eine politische Kampagne tatsächlich so viel schlimmer als deren Gebahren?

Immerhin: Die Boykottaufrufe mögen den Boykottaufrufern nützen – sie können sich bedeutsam und überlegen fühlen. Den Betroffenen schaden sie letztlich kaum. Als Facebook den Kurznachrichten-Dienst Whatsapp übernahm, riefen viele zum Wechsel zur Konkurrenz auf. Das Ergebnis: Whatsapp meldete an diesem Mittwoch einen neuen Rekordwert an versandten Nachrichten. Die Whatsapp-Unternehmer beherrschen eben noch die Kunst des Ignorierens.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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