Kolumne: Moneytalk

Draghi und die mögliche Enttäuschung

Die Aktienmärkte präsentierten sich in der vergangenen Woche freundlich. In den USA erklomm der S&P 500 ein neues Allzeithoch und der DAX war zuletzt nicht mehr weit von seinem historischen Hoch entfernt. Es waren mal wieder die Notenbanker, die den Börsianern Freude bereiteten

In den USA betonte die Fed-Vorsitzende Janet Yellen die Absicht der Zentralbank, die konjunkturfördernde Geldpolitik weiter fortzusetzen. In der Eurozone verzichtete die Europäische Zentralbank (EZB) bei ihrer April-Zinssitzung zwar darauf, den Leitzins nochmal zu senken. Aber die Ausführungen von EZB-Chef Mario Draghi sorgten an den Aktienmärkten für steigende Kurse. Denn Draghi stellte in Aussicht, alle mit dem Mandat der Notenbank verträglichen Instrumente einzusetzen, falls die Inflation zu lange zu niedrig bleiben sollte. Für diesen Fall, der allerdings nicht dem Basisszenario der EZB entspricht, hat sich der Zentralbankrat einstimmig für eine rasche und entschiedene Reaktion ausgesprochen.

Erstmals wurde dabei intensiv über ein Quantitative-Easing-Programm (QE) diskutiert und vom EZB-Chef als mögliches Instrument angekündigt. Das schürte bei Börsianern vor allem deshalb die Hoffnung auf zusätzliche kursfördernde Geldspritzen, weil Draghi den möglichen Ankauf von Wertpapieren nicht an die Bedingung „Deflation“ knüpfte, sondern an „zu niedrige Inflation“. Das heißt konkret: Der Durchschnitt der Verbraucherpreise in der Eurozone muss gar nicht fallen, damit die EZB ein QE-Programm startet, sondern „nur“ über längere Zeit sehr niedrig bleiben.

Doch genau hiermit ist erhebliches Enttäuschungspotenzial für die Börsianer verbunden. Natürlich würde eine lange Zeit extrem niedrige Inflation die Gefahr bergen, dass die Eurozone in die Deflation abrutscht. Doch nicht nur die Erwartung der EZB geht in die andere Richtung, sondern auch die der meisten Ökonomen. Sie verweisen auf Sonderfaktoren, welche die Inflation in den vergangenen Monaten nach unten gedrückt haben, insbesondere den ungewöhnlich milden Winter. Der habe die Kosten für Energie, die gewichtigste Komponente im Verbraucherpreisindex ebenso gedämpft wie die Preise für frische Nahrungsmittel. Schon für den April rechnen Volkswirte mit einer deutlich höheren Inflationsrate als die 0,5 Prozent vom März.

Sollten sie mit dieser Prognose richtig liegen und der Inflationstrend in den kommenden Monaten wieder nach oben weisen, können Anleger das QE-Programm getrost vergessen – und damit auch die Aussicht auf noch mehr billige Liquidität. Sobald diese Erkenntnis an den Märkten Einzug hält, dürfte sie für Ernüchterung sorgen und die Kurse belasten. Aber selbst wenn sich die europäischen Notenbanker entschließen sollen, QE zu starten, könnte das zu langen Gesichtern bei Börsianern führen. Denn derzeit geht man an den Märkten davon aus, dass es zu einem klassischen QE-Programm kommen würde, sprich: zum Ankauf von Euro-Staatsanleihen. Doch auch das ist unwahrscheinlich, weil es am Veto der Deutschen Bundesbank (und der Notenbanken der Euro-Kernländer) scheitern würde. Die Bundesbanker fürchten kaum etwas so sehr wie die Finanzierung der Staatshaushalte durch die Notenpresse.

Nun wird der ein oder andere darauf verweisen, dass Bundesbank-Präsident Jens Weidmann jüngst den Widerstand gegen ein QE-Programm der EZB aufgegeben hat. Das ist jedoch nur insofern richtig, als Weidmann sich im Notfall den Ankauf von privaten Wertpapieren durch die EZB vorstellen kann. Von Staatsanleihen hat der Bundesbank-Chef nichts gesagt. Der Haken an der Sache: Das Volumen an privaten Wertpapieren, das für ein QE-Programm in Frage kommt, dürfte nur einen Bruchteil des Volumens an Euro-Staatsanleihen umfassen. Entsprechend mickrig – und damit für die Märkte enttäuschend – müsste die zusätzliche Liquiditätszufuhr ausfallen.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne “Moneytalk” jeden Dienstag.

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