Kolumne: Auf einen Klick

Endlich Schluss mit Deppendorf

Der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios macht den Markus Lanz – er hört auf. 16 Vorschläge an seine Nachfolgerin Tina Hassel, damit sie nicht wie Ulrich Deppendorf wird

Endlich ist sie da, die erlösende Nachricht. Eine Ära im deutschen Fernsehen geht zu Ende, haben wir vor wenigen Tagen erfahren – eine, die längst hätte enden sollen. Ein Anachronismus wird in einigen Monaten endlich aus dem Studio getragen, in dem Stars von einem hoffnungslos überforderten wie überkandidelten Gastgeber empfangen worden waren. Nun ist die Chance da für einen Neuanfang.

Natürlich rede ich über die Ankündigung, dass Ulrich Deppendorf als Chef des ARD-Hauptstadtstudios aufhört. Er geht im Sommer 2015 in Rente. Das sei ihm gegönnt.

Uns auch.

Denn bei allen Verdiensten, die ein so lang gedienter Journalist hat: Als Berichterstatter aus Berlin war er eine Qual. Er half den Zuschauern nicht, den Berliner Dschungel zu durchblicken, sondern sorgte mit seinen Interviews, seinen Anmoderationen, seiner In-Suggestivfragen-um-Anerkennung-Buhlerei, seiner Mächtigen-Verehrung, seiner Merkel-Verehrung, seinem Sprachstil nur für noch mehr Verwirrung.

Deswegen habe ich folgende Bitten an seine Nachfolgerin Tina Hassel:

– Bitte bewerten Sie nicht eine Haushaltsdebatte im Bundestag nur nach Ihrem Unterhaltungswert für die Zuschauer. Kommentieren Sie nicht, wie Ihr Vorgänger, eine Rede der Grünen Göring-Eckart schulmeisterlich mit „Da hat sie sich am Ende verleppert“. Behandeln Sie auch die Opposition mit der inhaltlichen Ernsthaftigkeit, die sie verdient.

– Widmen sich generell mehr den Argumenten, weniger der Performance.

– Fragen Sie nicht nur Ihr vorbereitete Frage. Fragen Sie auch mal nach.

– Sagen Sie ruhig auch mal, dass Sie keine Antwort auf Ihre Frage erhalten haben. Und zwar direkt im Gespräch, nicht irgendwann später.

– Sagen Sie ruhig das auch ein zweites, drittes Mal. Bis Sie eine Antwort erhalten.

– Stellen Sie nicht nur Suggestivfragen, um sich am schein-provokativen Ton des Suggestiven ergötzen zu können – und vergessen dabei, dem Gegenüber zuzuhören.

– Werfen Sie nicht ständig mit Stichworten und Akteursnamen um sich. Damit kann man zwar demonstrieren, dass man Teil des Berliner Politbetriebs ist. Aber Insiderfähigkeiten vorzuführen, sollte nicht die Haupteigenschaft eines Politjournalisten sein. Erklären Sie. Ordnen Sie ein. Gehen Sie nicht davon aus, dass jeder weiß, wer Snowden ist oder NSA oder NSU.

– Fragen Sie nicht dauernd – also wirklich dauernd – danach, was dieser und jener Konflikt für das Binnenklima der Koalition bedeutet. Oder für die Wahlchancen. Die Antworten haben kaum Mehrwert.

– Das gleiche gilt für Fragen nach Rot-Rot-Grün, Schwarz-Grün, Ampel oder Tolerierung. Oder nach den Auswirkungen auf die Umfragewerte. Das ist für Zuschauer weit weniger interessant, als viele in Berlin glauben. Auch wenn es natürlich für den Journalisten so viel einfacher ist, nach Schwarz-Grün oder Rot-Rot zu fragen als nach komplexen Themen.

– Beschreiben Sie nicht die Beziehungen von Politikern und Parteien, als sei das nur eine Seifenoper („Können sie mit dem?“. „Waren Sie enttäuscht von…?“). Oder alles eine Frage der persönlichen Neigungen („Liegen die Ihnen nicht?“). Interessieren Sie sich ruhig einmal für Inhalte. Beschreiben Sie ruhig mal Politik als Rangeln von Positionen und notwendigen Kompromissen. Halten Sie Kompromisse nicht für Schwäche, sondern für das Ziel einer Demokratie.

– Machen Sie Lust auf politische Inhalte, statt den Politbetrieb nur auf die Frage nach Farbkombinationen und Ministerposten zu reduzieren.

– Behaupten Sie nicht einfach etwas, weil es gerade in den Zeitungen kursiert. Hinterfragen Sie auch dies, statt es pseudo-gebildet und ohne Quellennachweis nachzuplappern. Es könnte ja falsch sein.

– Wenn Sie in den Tagesthemen einen Kommentar abgeben, dann geben Sie auch einen Kommentar ab. Mit These, Argumenten, Schlussfolgerung/Handlungsempfehlung. Und keine Nacherzählung des Geschehenen. Oder einfach das, was Ihnen zum Thema an Platitüden kurz vorher eingefallen ist.

– Trauen Sie sich, auch mal unpolemisch und überraschend zu argumentieren.

– Seien Sie die Opposition der Regierenden. Und die Opposition der Opposition. Machen Sie sich nicht gemein mit einer Sache, auch nicht mit einer beliebten.

Stellen Sie sich selbst die Frage, ob Ihr Gespräch beim Zuschauer a) für mehr Interesse an den Vorgängen geweckt hat oder b) Sie nur den Gesprächspartner beeindrucken wollten. Sollte es a) sein, sind Sie auf einem guten Weg. Auf einem, der sich von dem Ihres Vorgängers deutlich unterscheidet.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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