Kolumne: Mein Held der Woche

Gut gefragt, Sergej Lawrow

Russlands Außenminister verlangt Auskunft darüber, weshalb die Nato an ihrer Ostgrenze die Truppen ein wenig verstärkt hat. Wir verraten es ihm

Wir erfreuen uns schon seit zehn Jahren an Ihnen, Herr Lawrow. Ihre versteinerte Mimik, diese dezent getragene ständige Übellaunigkeit – das zeigt uns, dass es doch noch Konstanten gibt in dieser wechselhaften Welt. Denn Sie erinnern uns enorm an einen Ihrer Amtsvorgänger, Leonid Breschnews Außenminister Gromyko, der so etwas war wie das personifizierte Njet.

Jetzt aber sind Sie ein wenig von ihrem Muster abgewichen, Herr Außenminister. Statt nein oder gar nichts zu sagen, haben Sie mal eine Frage gestellt. Sie begehren zu wissen, weshalb die Nato an ihren Ostgrenzen, also im Baltikum und in Polen, ihre Truppen verstärkt hat.

Wir erwarten nicht, dass Sie von den Militärbürokraten in Brüssel eine erschöpfende Auskunft erhalten. Deshalb helfen wir Ihnen, erklären das mal in ganz einfachen, leicht verständlichen Worten.

Die Balten und die Polen machen sich gerade ein wenig ins Hemd. Denn ihr Nachbar, der russische Bär, beißt seit einiger Zeit wild um sich. Happs hat er gemacht, und schon war Moldau seine Region Transnistrien los. Zweimal happs hat er gemacht, und Georgien fehlten die Gebiete Abchasien und Südossetien. Und neulich gab es wieder einen fetten Happs, und die Ukraine war die Krim los.

Vor allem die Esten, die in ihrem Land mit vielen Russen zusammen leben, haben nun Sorge, dass sie der nächste Happen sein könnten. Und zu ihrer Beruhigung trägt nicht gerade bei, dass an der Grenze zur Ost-Ukraine gerade 40.000 bis 60.000 russische Soldaten aufmarschiert sind, die von der Ukraine noch ein Stück abbeißen könnten. Der Bär scheint also an akuter Happsitis zu leiden. Und davor haben nicht nur die Ukrainer, sondern auch Balten und Polen Schiss.

Nun halten wir Sie zwar für Vieles, aber definitiv nicht für blöd, Herr Lawrow. Wir gehen davon aus, dass Ihnen das alles wohlbekannt ist. Und wir gehen davon aus, dass Sie mit ihrer Frage lediglich nach einem Muster agieren, das in zwischenmenschlichen Beziehungen weit verbreitet ist: Man selber baut Mist, schiebt aber dem anderen den Schwarzen Peter zu. Und so zeigt sogar Mister Njet menschliche Züge.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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