Glosse

Nie wieder Folterkaffee!

Die Europäische Union denkt diesmal wirklich an ihre hart arbeitenden Bürger. Sie will Kaffeemaschinen mit Endloswarmhaltetechnik abschaffen – doch eine wichtige Sache hat sie dabei vergessen

Die Bild ließ mir heute doch glatt den Kaffeelöffel mit spritzendem Platsch in die Tasse fallen: „EU will Filter-Kaffee-Maschinen“ stoppen, heißt die koffeinlevelbedrohende Zeile. Dabei kommt diversen Essen-, Trinken- und Livingzeitschriften zufolge der Filterkaffee nach dem ganzen Cappuccino-Gedöns gerade wieder in Mode. Noch so eine Quälattacke aus Brüssel, könnte man denken. Wer den ganzen Artikel liest erkennt jedoch, wie vorsorglich die EU eigentlich mit unseren Geschmacksknospen umgeht.

Maschinen mit Warmhalteplatte sollen sich nach EU-Wunsch künftig nach 40 Minuten automatisch ausschalten. 40 Minuten. In dieser Zeit verwandelt sich das Wachmachergetränk in eine Zahnbelagbrühe. Oben drauf dümpeln die Kaffeeöle vor sich hin und verbreiten fettige Schmieren. Wer das Zeug trotzdem trinkt, hat noch lange was von dem bittersauren Nachgeschmack.

Requisit für alte Krimis

Die Warmhaltekaffeemaschinen taugen doch eh nur als Requisit für alte Krimis, bei dem der Tatverdächtige nach stundenlangem Verhör eine Tasse davon bekommt und danach doch endlich sein Geständnis rausblubbert. Und Schuld daran war nicht die brillante Verhörtechnik des Kommissars, sondern vielmehr der seit Stunden abgestandene und künstlich am Leben gehaltene Folterkaffee.

Und genau davor will uns die EU schützen. Das sind doch mal verdammt gute Nachrichten, da hat doch mal jemand mitgedacht. Dass mit diesem Vorstoß eigentlich Energie gespart werden soll, ist nur ein netter Nebeneffekt und kümmert niemanden. Vielmehr wird damit endlich etwas für die vielen Nachtarbeiter getan, die sich eben nicht mehr diese Kaffeekarikatur antun müssen, um irgendwie wach zu bleiben.

Ein kleines Problem bleibt jedoch: Wenn der Kaffee durch die Ausschaltautomatik kalt geworden und damit unwiderruflich hinüber ist, muss jemand neuen Kaffee kochen. In den Büros, in denen ich gearbeitet habe, hat das bisher niemals funktioniert. Aber vielleicht fällt Brüssel da ja auch noch etwas ein. Oder zur Not macht Deutschland eine ABM draus. Mit Mindestlohn natürlich.

Angelika Dehmel hat dank diverser redaktioneller Nachtschichten umfangreiche Kaffeemaschinenerfahrung. Ergebnis: Kaffee ist entweder aus, kalt oder abgestanden. Als Konsequenz hat sie sich eine kleine Kaffeepresse fürs Büro zugelegt. 

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