Kolumne: Moneytalk

Zwischen Übernahmephantasie und Ukraine-Konflikt

Ausgesprochen freundlich starteten die Aktienmärkte in die vergangene Woche. Das lag vor allem an Nachrichten über Firmenübernahmen, aber auch an Konjunkturindikatoren, die besser als erwartet ausfielen. Der DAX stieg vorübergehend auf 9.645 Punkten, sackte zu Wochenschluss aber wieder auf 9.402 Zähler ab. Zurückzuführen war der kräftige Rückgang wieder einmal auf die Krise in der Ukraine, die sich zuletzt wieder verschärft hat

Zu Beginn der neuen Woche stehen die Zeichen in der Ukraine weiter auf Konfrontation. Die gemäß Genfer Vereinbarung vorgesehene Entwaffnung illegaler Truppen sowie Gewaltverzicht stehen bislang nur auf dem Papier. Darüber hinaus tragen die russischen Militärmanöver nahe der ukrainischen Grenze eben so wenig zu einer Deeskalation bei wie die Festnahme von OSZE-Beobachtern durch prorussische Separatisten. Mit den Aktionen der ukrainischen Übergangsregierung gegen die Milizionäre in der Ostukraine steigt die Wahrscheinlichkeit eines russischen Eingreifens in der Region. Damit bleibt der Ukraine-Konflikt ein Belastungsfaktor für die Aktienmärkte – ein Ende ist derzeit nicht absehbar.

Dabei hatten sich die Börsianer zu Beginn der vergangenen Woche über Berichte zu Fusionen und Übernahmen gefreut. Für Furore sorgte vor allem das Interesse des US-Pharmaherstellers Pfizer an einer Übernahme des britischen Wettbewerbers Astra Zeneca mit einem Volumen von rund 100 Milliarden Dollar. Doch auch die Spekulation über eine mögliche Akquisition der französischen Alstom durch den US-Giganten General Electric erregte bei Anlegern Aufsehen.

Kursstützende Impulse kamen darüber hinaus von den jüngsten Konjunkturdaten. So überraschten die Einkaufsmanagerindizes für die Industrie und das Dienstleistungsgewerbe im Euroraum positiv. Dabei wurde die Verbesserung in erster Linie durch die Werte für Deutschland getragen, während die für Frankreich enttäuschten. Unerwartet stark fiel auch das ifo-Geschäftsklima für April aus, für das Analysten nach zwei Monaten, in denen es gesunken war, einen weiteren leichten Rückgang vorausgesagt hatten. Vor allem der deutliche Anstieg der Komponente für die Geschäftserwartungen kam an den Märkten gut an.

In den USA verfehlte zwar der April-Einkaufsmanagerindex für die Industrie die Konsens-Prognose, blieb jedoch gegenüber dem März annähernd stabil auf hohem Niveau. Die für die Aktienmärkte wichtige Komponente für die Auftragseingänge stieg sogar. Bei den harten US-Daten stand ein stärker als erwartet steigender Auftragseingang für langlebige Güter einem nicht erwarteten Rückgang der Neubau-Verkäufe gegenüber.

Die neue Woche bringt in Amerika mit dem Verbrauchervertrauen des Conference Board, dem ISM-Einkaufsmanagerindex, den Konsumausgaben und besonders dem Arbeitsmarktbericht erneut wichtige Zahlen, die Aufschlüsse über die Aussichten der US-Konjunktur geben. Mit Spannung sehen Investoren auch dem offiziellen Einkaufsmanagerindex für die chinesische Industrie entgegen.

Im Euroraum stehen die vorläufigen Verbraucherpreise für April im Mittelpunkt des Interesses. Sie dürften die Markterwartungen in Bezug auf die weitere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) beeinflussen – und damit auch die Aktienmärkte. Analysten gehen davon aus, dass die Inflationsrate von 0,5 Prozent im März auf nun 0,8 Prozent steigt. Kommt es tatsächlich dazu, dürften die Deflationssorgen der Anleger kleiner werden und die Erwartungen an die EZB, den Geldhahn noch weiter aufzudrehen, einen Dämpfer erhalten.

Keine Überraschung erwarten Notenbank-Beobachter für die anstehende Sitzung der US-Zentralbank Fed. Wie in den Sitzungen zuvor wird Fed-Chefin Janet Yellen wohl eine weitere Kürzung der monatlichen Anleihekäufe in Höhe von zehn Milliarden Dollar bekanntgeben, auf dann 45 Milliarden Dollar.

Von der Berichtssaison der Unternehmen für das erste Quartal 2014 gingen vergangene Woche gemischte Impulse auf die Börsen aus. Positiven Ausreißern wie Apple standen negative wie Philips gegenüber. Insgesamt ist das Verhältnis von positiven zu negativen Überraschungen bei den berichtenden US-Firmen zuletzt günstiger geworden.

In der neuen Woche nimmt die Berichtssaison in Europa Fahrt auf. Die Liste der Unternehmen, die ihre Quartalszahlen vorlegen ist lang: Bayer, Deutsche Börse, GDF Suez, ABB, Banco Santander, BP, Deutsche Bank, Eni, Infineon, Nokia, Saint-Gobain, Sanofi, Volkswagen, Ebay, Merck & Co., BBVA, BNP Paribas, Daimler, GlaxoSmithKline, Iberdrola, Royal Dutch Shell, Total, BG Group, Lloyds, Exxon Mobil, BASF.

Hinzu kommen jede Menge Hauptversammlungen und entsprechend viele Dividenenausschüttungen. Nach dem starken Anstieg der Aktienkurse seit Mitte 2012 liegt die Dividendenrendite des DAX bei rund 2,8 Prozent und damit nahe am Durchschnitt der vergangenen 25 Jahre. Der EURO STOXX 50 weist sogar eine Dividendenrendite von 3,5 Prozent auf. Im Vergleich zu den Renditen als sicher geltender Staats- und Unternehmensanleihen sind das noch immer attraktive Niveaus, die für weiter steigenden Aktiennotierungen sprechen. Zehnjährige Bundesanleihen werfen gerade mal rund 1,5 Prozent ab, AA-geratete Unternehmensanleihen mit Laufzeiten von sieben bis zehn Jahren rund zwei Prozent.

Verschärft sich allerdings der Ukraine-Konflikt weiter, so dass es zu wirtschaftlichen Sanktionen des Westens und möglicherweise zu Gegenmaßnahmen Russlands kommt, könnten sich die Aussichten für die Konjunktur und die Firmengewinne eintrüben. Dann bieten auch attraktive Dividendenrenditen keinen Schutz gegen größere Kursrückgänge an den Aktienmärkten.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Kolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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