Kolumne: Moneytalk

Dax auf Rekordkurs

Der Dax scheint vor Kraft zu strotzen. Er markierte am Montag den höchsten Stand seiner Geschichte und nimmt Kurs Richtung 10.000 Punkte. Die Zugewinne rechtspopulistischer und EU-kritischer Parteien bei den Europawahlen nahmen die Anleger gelassen hin. Außerdem weckte der deutliche Wahlsieg des Milliardärs Viktor Poroschenko bei der Präsidentenwahl in der Ukraine Hoffnung auf eine Stabilisierung der Lage in dem krisengeschüttelten Land

Bereits in der vergangenen Woche ließen günstige Konjunkturdaten und die Erwartung einer anhaltend expansiven Geldpolitik die Aktienmärkte freundlich tendieren. Zwar hatte es vor den Europawahlen Sorgen um eine erwartete deutliche Stärkung europakritischer Parteien gegeben. Daraus resultierten aber keine größeren Turbulenzen, nachdem bekannt wurde, dass in den Niederlanden, wo bereits am Donnerstag gewählt wurde, die von Geert Wilders geführte rechtspopulistische PVV überraschend eine Wahlschlappe erlitt.

Ebenfalls als nur temporär erwies sich die Korrektur bei Staatsanleihen der Euro-Randstaaten, wozu eine positiv verlaufene Bond-Auktion Spaniens beitrug. Vor kurzem war der Risikoaufschlag spanischer und italienischer Anleihen gegenüber zehnjährigen Bundesanleihen von durchschnittlich rund 150 Basispunkten bis auf über 185 Basispunkte gestiegen und hatte zu einer Korrektur bei Bankaktien beigetragen. Im Wochenverlauf erholten sich die Peripherie-Bonds aber wieder und mit ihnen die Bankaktien. Die kurze Korrektur machte allerdings deutlich, dass nach der kräftigen Rally der Peripherie-Anleihen das Potenzial einer weiteren Spread-Einengung begrenzt ist und zunehmend Korrekturen einzukalkulieren sind. Der Rückenwind für die Aktienmärkte dürfte von dieser Seite schwächer werden.

Unterstützung bekamen die Börsen zuletzt von den veröffentlichten Konjunktur-Frühindikatoren. Bei den Einkaufsmanagerindizes für die Industrie überwogen die positiven Überraschungen. Beispielsweise erholte sich der Manufacturing-Einkaufsmanagerindex für China unerwartet stark von 48,1 auf 49,7 Punkte. Analysten hatten lediglich mit einem Anstieg auf 48,3 Zähler gerechnet. Günstig fiel auch der Industrie-Einkaufsmanagerindex für die USA aus, der von 55,4 auf 56,2 Punkte anzog, bei einer Markterwartung von 55,5 Punkten. Allerdings gab die Komponente für den Auftragseingang von sehr hohem Niveau aus etwas nach. Im Euro-Raum blieb der Composite-Index mit 53,9 Punkten annähernd stabil und im Rahmen der Erwartungen. Ein Rückgang beim Index für die Industrie wurde ausgeglichen durch einen Anstieg des Dienstleistungs-Index.

Regional waren die Daten in Frankreich schwach, während in Deutschland und der Euro-Peripherie der Aufwärtstrend intakt blieb. Etwas stärker als erwartet sank der ifo-Geschäftsklimaindex, von 111,2 auf 110,4 Punkte bei einer Konsensprognose von 110,9. Die an den Aktienmärkten besonders beachtete Komponente für die Geschäftserwartungen fiel von 107,3 auf 106,2 Punkte. Deren jüngster Gipfel war im Januar mit 108,9 Punkten erreicht worden. Der moderate Rückgang weist einerseits auf einen nur geringen negativen Einfluss der Ukraine-Krise hin, andererseits dürfte er kein Grund für die Europäische Zentralbank (EZB) sein, noch stärker auf das geldpolitische Gaspedal zu drücken.

Das bedeutet, dass die Aktienmärkte weiterhin auf Hilfe der Notenbanken setzen können. So wurde das Protokoll der Fed-Sitzung vom 29./30. April von den Börsianern positiv aufgenommen, obwohl es kaum neue Erkenntnisse in Bezug auf den geldpolitischen Pfad der US-Notenbank brachte. In den vergangenen Wochen gab es sogar widersprüchliche Aussagen von Fed-Vertretern hinsichtlich der Zinspolitik sowie unterschiedliche Auffassungen über die Einschätzung des US-Arbeitsmarkts. An den Finanzmärkten wird dennoch von kaum jemandem erwartet, dass die Fed vor Mitte 2015 den Leitzins anhebt.

EZB-Präsident Mario Draghi hat auf der letzten Ratssitzung weitere geldpolitische Schritte im Juni in Aussicht gestellt. Seitdem werden Äußerungen von EZB-Repräsentanten auf Hinweise hinsichtlich der konkret zu erwartenden Maßnahmen abgeklopft. Die Ankündigung weiterer expansiver Maßnahmen durch die EZB in Verbindung mit der weiterhin sehr niedrigen Inflation im Euro-Raum führte an den Anleihemärkten zuletzt zu einem verstärkten Renditerückgang. Zudem wurde der Euro merklich schwächer, was grundsätzlich positiv für europäische Aktien ist.
Der europäische Aktienmarkt konnte – gemessen am breiten EURO STOXX – im Vergleich zum US-Markt (S&P 500) dennoch nicht an relativer Stärke gewinnen. Zurückzuführen ist das zum einen auf die jüngsten Kursverluste von Finanztiteln, die auch durch die zeitweise steigenden Risikoaufschläge auf Euro-Peripherie-Anleihen belastet wurden.

Ein anderer Grund ist, dass sich auch die Erwartungen für die Firmengewinne in der Eurozone ungünstiger entwickeln als in den USA. Im Rahmen der Unternehmens-Berichtssaison zum ersten Quartal hatte es bei europäischen Aktien deutlich mehr negative Überraschungen gegeben als bei amerikanischen. Da die Konjunktur in den USA wohl weiterhin deutlich dynamischer laufen wird als in Europa, wird voraussichtlich auch der Trend der Gewinnrevisionen in Amerika günstiger bleiben. Immerhin könnten Unternehmen aus Euroland etwas aufholen. Dafür sprechen zumindest die geldpolitische Abkoppelung der EZB von der Fed und eine damit einhergehende mögliche Abschwächung des Euro.

Diese Woche stehen relativ wenige marktrelevante Konjunkturdaten auf der Agenda. Dazu zählen in den USA der Auftragseingang langlebiger Güter, der Chicago-Einkaufsmanagerindex und die Konsumausgaben. Der Euro-Raum bietet eher zweitrangige Stimmungsindikatoren, unter anderem das GfK-Verbrauchervertrauen für Deutschland und das Geschäftsklima der Industrie der Eurozone.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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