Kolumne: Moneytalk

Draghi treibt die Aktienkurse

Auf die Notenbanken können sich Börsianer verlassen. Sowohl die US-Zentralbank Fed als auch die Europäische Zentralbank (EZB) sorgten vergangene Woche für Freude bei den Anlegern. Dagegen bereiten ihnen die Nachrichten aus der Ukraine weiterhin ein Wechselbad der Gefühle – mit entsprechenden Kursschwankungen

Während von der Fed Signale einer noch länger anhaltenden lockeren Geldpolitik kamen, überraschte EZB-Chef Mario Draghi die Märkte mit Bemerkungen, die auf ein noch stärkeres Aufdrehen des Geldhahns in der Eurozone hinweisen. So wurde die Rede von Fed-Chairwoman Yellen vor dem Wirtschaftsausschuss des US-Kongresses von Fed-Watchern als „dovish“ interpretiert, wenngleich keine neuen Aussagen zur Geldpolitik gemacht wurden. Yellen machte jedoch deutlich, dass sie die Erholung am US-Arbeitsmarkt trotz des deutlichen Rückgangs der Arbeitslosenquote auf 6,3 Prozent als bei weitem noch nicht ausreichend ansieht. Zudem äußerte sie sich kritisch zu der jüngsten Schwäche am Häusermarkt.

Auf der EZB-Ratssitzung wurden erwartungsgemäß keine neuen geldpolitischen Beschlüsse gefasst. Doch auf der im Anschluss an die Sitzung stattfindenden Pressekonferenz  überraschte Draghi mit dem Statement, dass im EZB-Rat Einigkeit bestanden habe, das aktuell niedrige Inflationsniveau nicht zu akzeptieren. Deshalb sei der Rat „comfortable to act next time“. Mit dieser Aussage hat er eine weitere Lockerung der Geldpolitik auf der nächsten Sitzung im Juni explizit in Aussicht gestellt. An den Aktienmärkten wurde die Botschaft positiv aufgenommen. Grund für die noch abwartende Haltung im Mai waren laut Draghi die erst im Juni vorliegenden Projektionen der EZB-Volkswirte zum mittelfristigen Inflationsausblick. Die zu erwartende Abwärtsrevision der Projektionen für 2014 dürfte der EZB als Anlass für eine Lockerung dienen. Diese könnte in einer erneuten Senkung des Leitzinses im Juni auf nahe null Prozent bestehen. Um den Effekt der Zinsermäßigung zu verstärken, dürfte zudem der Einlagensatz leicht in den negativen Bereich gesenkt  werden.

Anhaltende Auseinandersetzungen zwischen Streitkräften der Kiewer Zentralregierung und prorussischen Milizen in der Ostukraine sorgten dafür, dass die Lage in der Ukraine angespannt blieb. Der Appell des russischen Präsidenten Wladimir Putin, das von den Separatisten in der Ostukraine geplante Unabhängigkeitsreferendum zu verschieben, wurde an den Aktienmärkten als Zeichen der Entspannung erleichtert aufgenommen. Demgegenüber dämpfte das Festhalten der prorussischen Kräfte an dem Referendum die Entspannungshoffnungen wieder. Außerdem blieben Zweifel, ob Putin wirklich ernsthaft an einer Deeskalation gelegen ist. Vor diesem Hintergrund verharrte der Volatilitätsindex VDAX-NEW in seiner relativ engen Handelsspanne der vergangenen Wochen von rund 17 bis knapp 20 Punkten.

Durchwachsen fielen in der vergangenen Woche die Quartalszahlen aus, die im Rahmen  der Firmen-Berichtssaison vorgelegt wurden. Insgesamt überwog aber ein positiver Unterton, was nicht immer an den Zahlen selbst lag. Beispielsweise erwiesen sich im Falle von Siemens vor allem die angekündigten Restrukturierungsmaßnahmen als ausschlaggebend. Das sich beschleunigende Übernahmekarussell blieb ebenfalls ein positiver Impulsgeber bei den Unternehmensnachrichten.

In der neuen Woche berichten nochmals einige wichtige Konzerne, wie die Geschäfte im ersten Vierteljahr gelaufen sind: UniCredit, Airbus Group, E.ON, ThyssenKrupp, K+S, RWE, Cisco Systems, Intesa SanPaolo, Deutsche Post, Generali, Merck KGaA, National Grid, Zurich Insurance Group, Vivendi und Wal-Mart Stores.

Positive Akzente konnten bei den jüngst veröffentlichten Konjunkturdaten setzten der unerwartet stark gestiegene ISM-Dienstleistungsindex aus den USA sowie die besser als erwartet ausgefallenen Handelsbilanzdaten aus China setzen. Zudem bestätigten die endgültigen Einkaufsmanagerindices aus dem Euro-Raum den Anstieg im April und damit den aufwärts gerichteten Konjunkturtrend. Die veröffentlichten „harten“ Konjunkturdaten aus dem Euro-Raum – der Auftragseingang der deutschen Industrie, die Industrieproduktion Deutschlands und Frankreichs sowie die deutschen Exporte – konnten allerdings die Erwartungen der Analysten nicht erfüllen. Nennenswerte Spuren an den Börsen hinterließ das jedoch nicht.

Diese Woche dürften sich die Börsianer vor allem für folgende Indikatoren interessieren: Die Industrieproduktion aus China, den ZEW-Index der Konjunkturerwartungen für Deutschland, den US-Einzelhandelsumsatz, die Industrieproduktion und das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal aus dem Euro-Raum, die US-Industrieproduktion, den Philadelphia-Fed-Index, die US-Wohnungsbaubeginne und -genehmigungen sowie den US-Verbrauchervertrauensindex der Universität Michigan.

Man darf gespannt sein, ob der DAX demnächst einen Angriff auf die obere Grenze des aktuellen Seitwärtstrends beginnt. Maßgebend für die künftige Kursentwicklung dürfte neben den Unternehmens- und Konjunkturzahlen besonders der Verlauf der Krise in der Ukraine sein. Anleger fürchten Wirtschaftssanktionen des Westens gegen Russland, falls Putin eine weitere Eskalation zulässt. Beim derzeitigen Mix voraussichtlich anhaltender geopolitischer Unsicherheit, seitwärts tendierender Konjunktur-Frühindikatoren, lockeren Notenbanken und nur langsam steigender Firmengewinnen ist ein anhaltender Seitwärtstrend an den Aktienmärkten im Moment das wahrscheinlichste Szenario.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzzkolumne “Moneytalk” jeden Dienstag.

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