Kolumne: Mein Held der Woche

Gut gemogelt, Angela Merkel

Alle regen sich auf, weil die Kanzlerin Jean-Claude Juncker nicht zum EU-Kommissionspräsidenten machen will. Wie oberflächlich! Denn dahinter steckt ihr Masterplan für die nächste Bundestagswahl

Ganz schön ausgebufft. Muss man schon sagen. Da stellen die beiden großen Fraktionen im Europa-Parlament jeweils einen Spitzenkandidaten auf, der nach der Wahl EU-Kommissionspräsident werden soll. Und nach der Wahl, als klar ist, dass die Konservativen von der Europäischen Volkspartei EVP die Mehrheit geholt haben, heißt es: War doch nicht so gemeint.

Zur EVP gehört auch die deutsche CDU, und deren Chefin Angela Merkel will sich nicht dazu durchringen, den Wahlsieger Jean-Claude Juncker zum EU-Präsidenten zu machen. Mal sehen. In Ruhe besprechen. Abwarten. Damit torpediert sie, was eigentlich klar sein sollte: Dass jener den Job in Brüssel bekommt, den Europas Völker gewählt haben.

Die Reaktionen sind entsprechend harsch: Dumm und antidemokratisch sei Merkels Lavieren, so die Kritik. Damit leiste sie der Politik- und Europa-Verdrossenheit der Wähler nur Vorschub.

Kann man so sehen, zumal Merkels Manöver nicht nur verdammt nach gebrochenem Wahlversprechen aussieht. Sondern auch, weil es angesichts der Person Juncker völlig unverständlich ist. Kaum jemand ist in Sachen Europa erfahrener als der Luxemburger, der mehrere Sprachen fließend beherrscht (darunter auch Deutsch), jahrelang im Rat der EU-Staats- und Regierungschefs saß und Chef der Euro-Gruppe war, der Truppe der wichtigen europäischen Finanzminister. Juncker kennt alle Tricks und Winkelzüge der EU, es gäbe kaum einen besseren EU-Kommissionspräsidenten.

Nun wird spekuliert, weshalb Merkel mauschelt. Weil ihr Juncker zu selbstbewusst sei und somit gefährlich werden könnte. Weil seine Nominierung ein Affront für den euroskeptischen Briten-Premier David Cameron wäre. Weil die Kanzlerin Europa eh nicht ernst nimmt. So wird spekuliert.

Alles Nebbich! Alles viel zu oberflächlich gedacht! Denn hinter Merkels Lavieren steckt etwas ganz anderes – nämlich ihr Masterplan für die Bundestagswahl 2017. Ist doch logisch.

Merkel weiß, dass sie nicht ewig Kanzlerin bleiben kann. Zum einen kennt sie nur zu gut das Schicksal von Helmut Kohl, der den richtigen Zeitpunkt für den Absprung verpasst hat; soetwas möchte sie sich gerne ersparen. Zum anderen kann sie sich durchaus vorstellen, auch mal etwas anderes zu machen als Kanzlerin: Uno-Generalsekretärin, Eintopfköchin in der Uckermark, Päpstin. Nur: Wie kriegt man den Jobwechsel hin, ohne die Merkel-Partei CDU völlig zu marginalisieren?

Die Kanzlerin, der immer nachgesagt wird, vom Ende her zu denken, testet deshalb gerade im Fall Juncker aus, wie sie den Machtwechsel hinkriegt. Und zwar bei der Bundestagswahl 2017. Sie weiß, dass die Union nur mit ihr als Kanzlerkandidatin noch einmal die Mehrheit holen kann. Auf welches Ergebnis die Partei mit einem, sagen wir: Spitzenkandidaten Hermann Gröhe käme, kann sich schließlich jeder selber ausrechnen.

Also wird Merkel Folgendes machen: 2017 tritt sie noch einmal als Kanzlerkandidatin an. Sie holt die Mehrheit. Nach der Wahl aber sagt sie: Ich will doch nicht, ziehe mich zurück, Ursula von der Leyen macht’s. Oder Thomas de Maiziere. Oder zur Not Hermann Gröhe. Und dieses Modell Mogelpackung probiert sie gerade im Fall Juncker aus.

Ganz schön ausgebufft. Ein echter Merkel eben.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, weiß seit Februar 1990, was ein echter Merkel ist. Damals irrte er durch das Ost-Berliner „Haus der Demokratie“ und suchte die Büros der neuen Oppositionspartei Demokratischer Aufbruch (DA). Als ihm eine junge Frau entgegen kam, fragte er sie nach den DA-Büros. Ihre Antwort: Weiß ich auch nicht. Der Name der Dame: Angela Merkel. Ihr damaliger Job: Pressesprecherin des Demokratischen Aufbruchs. Theyssen schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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