Kolumne: Mein Held der Woche

Urlaub zwischen Blindgängern

Syriens Tourismusminister Bischar Jasigi will Homs, eine gerade noch umkämpfte Bürgerkriegsruine, zur Touristenattraktion machen. Brillante Idee! Wir haben auch noch ein paar Vorschläge

Es ist oft so im Leben: Die Besten werden meist einfach übersehen. Oder haben Sie schon einmal von Bischar Jasigi gehört? Eben. Dabei ist der Mann ein Genie. Einer, der die Lösung hat, wie viele Dritte-Welt-Länder ihr Bruttoinlandsprodukt steigern und zum Schwellenland aufsteigen können. Ohne Übertreibung kann man sagen: Jasigi hat die Idee, wie die Welt zu retten ist.

Der Mann ist Tourismusminister von Syrien, einem Land, das ebenfalls von einem lupenreinen Demokraten regiert wird, was aber ein Großteil der Bevölkerung nicht mehr so goutiert, weshalb einige von ihnen die Armee bekämpfen, was wiederum zu… ach, zu kompliziert! Sagen wir es so: In Jasigis Land geht so richtig die Post ab. Aber sowas von…

Fast vier Jahre lang haben Aufständische und Regierungstruppen um die Stadt Homs gekämpft; gerade erst sind die letzten 120 Rebellen aus der völlig zerstörten Stadt abgezogen. Und was sagt Jasigi? „Wir bereiten uns auf eine blühende Urlaubssaison vor.“ Natürlich nicht direkt in Homs selber, da muss erst noch die eine oder andere Sanitäranlage in Schuss gebracht werden. Aber in der Hügellandschaft von Wadi al-Nadara und auf der Kreuzfahrerburg Krak de Chevaliers „planen wir im Sommer vielfältige Aktivitäten“, sagt Jasigi.

Ja, warum eigentlich nicht? Nun gut, Krak de Chevaliers ist bei den Kämpfen schwer beschädigt worden, ein paar Blindgänger liegen noch rum und Rebellen streifen über die Hügel – aber das sind ja wohl Petitessen. Der westlichen Wohlstandsgesellschaft schadet es ohnehin nicht, das Anspruchsdenken ein wenig runterzuschrauben. Außerdem: Die Deutschen reisen doch überall hin, vor allem, wenn es dem Aufbau eines schwächelnden Landes dient.

Warum mussten wir eigentlich auf Jasigi warten? Warum ist keiner der Reiseprofis darauf gekommen, die unendlich vielen touristischen Potenziale der Welt zu erschließen?

Beispiel Nigeria: Eine Dschungeltour mit den Boko Haram toppt jeden Papua-Neuguinea-Trip. Beispiel Kambodscha: Warum eigentlich immer nur Tempel gucken in Angkor Wat? Gleich nebenan gibt es ausgedehnte Minenfelder, die zum Trecking regelrecht einladen; dagegen ist die Kletterei in Nepal Pipifax. Beispiel Ukraine: Checkpoint-Hopping ist spannender als jede Rafting-Tour; man kann nämlich wetten, ob man zuerst von Separatisten, verkleideten russischen Elitesoldaten oder Regierungstruppen festgenommen wird.

Es gibt soviel zu entdecken. Soviele Travellercheques auszugeben in Ländern, die das Geld wirklich brauchen. Und wer hat’s erfunden? Bischar Jasigi!

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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