Religion

Glaube, Liebe, Technik

Die Gretchenfrage in einer säkularen Gesellschaft ist keine Frage nach Religion, sondern inwiefern der Mensch glaubt, die Natur beherrschen zu können. Ob er dabei an Gott oder die Natur glaubt, macht für viele entscheidende Fragen keinen Unterschied

Pfingsten, was immer auch das gleich wieder für eine Bedeutung hatte, nehmen dieses Jahr große Medien wie „Der Spiegel“ und „Die Zeit“ zum Anlass, um über Religion zu sinnieren. „Der Spiegel“ spricht davon, dass Religionen in Zukunft ohne Gott auskommen können und beschreibt Ähnlichkeiten, die Atheisten und Gläubige hätten. Am Ende gehe es nicht um die Existenz einer göttlichen Gestalt, sondern um Werte, um Sinnsuche und so. Doch auch „Der Spiegel“ verkürzt die uralte Frage nach Gott mal wieder auf einen Konflikt zwischen Gottgläubigen und rationalen Naturwissenschaftlern. Dabei ist das vermutlich ein simples Missverständnis.

Der wahre Konflikt verläuft heutzutage doch vielmehr zwischen denen, die an die Natur glauben und denen, die glauben, der Mensch könne die Natur beherrschen. Wenn man daran glaubt, dass die Natur eine Logik hat, auf Organismen beruht, die vom Gleichgewicht, von Balance, Reproduktion und Zerstörung leben, dann macht es vielleicht nicht mehr den Unterschied, ob man als Naturwissenschaftler zur allerletzten Wahrheit vordringt, nämlich ob hinter der Naturgewalt noch jemand sitzt, der die Welt im Innersten zusammen hält. Dieser Gott wäre Teil der Natur, Teil dieses Organismus.

Dagegen steht der menschliche Geist, der in der Lage ist, diese Natur zu beherrschen, das Gleichgewicht, die Organismen zu beeinflussen und für sich zu nutzen. In der Praxis sind das nützliche Sachen – Medizin, Energieversorgung, Verkehrstechnik – gegen die kaum jemand etwas einzuwenden haben kann. Und dennoch leiten sich in einer säkularen Gesellschaft davon entscheidende Fragen über Leben und Tod ab, von der künstlichen Befruchtung bis zur Sterbehilfe.

Wenn einem Menschen unvorhersehbares Unglück passiert, werden die einen verzweifeln, weil sie nicht verstehen, dass sie nicht alles im Griff haben können. Die anderen wiederum werden damit besser umgehen können, weil sie davon ausgehen, dass die Welt und die Natur viel zu komplex sind, um sie zu verstehen oder in Gänze zu beherrschen. Ob man dabei an Gott oder die Natur an sich glaubt, macht zumindest für diese Fragen keinen großen Unterschied.

Stefan Tillmann, Mitgründer des Opinion Clubs, ist vor einigen Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten, weil er die Institution zweifelhaft findet und an Gott letztlich nicht glaubt. Inzwischen denkt er, dass Letzteres kein ausreichender Grund für einen Austritt war.

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