Kolumne: Moneytalk

Fed hält die Party am Laufen

Neues Allzeithoch beim amerikanischen S&P 500, neue Bestmarke beim europäischen EURO STOXX 50, der DAX weiter bei rund 10.000 Punkten – nichts scheint den Aufwärtstrend der Aktienmärkte derzeit stoppen zu können. Oder?

Wie von Analysten erwartet, hat der Offenmarktausschuss der amerikanischen Notenbank Fed bei seiner Juni-Sitzung eine weitere Reduzierung seiner Anleihekäufe um zehn Milliarden Dollar beschlossen. Die „Forward-Guidance“ zur ersten Leitzinsanhebung haben die US-Notenbanker unverändert gelassen. Sie unterstellen nach dem wetterbedingt schwachen Jahresauftakt eine Erholung der US-Wirtschaft und eine weitere Verbesserung am Jobmarkt.

Mit Befriedigung honoriert wurde von den Märkten insbesondere die Aussage von Fed-Chefin Janet Yellen, der Leitzins werde nach dem Ende der konjunkturstützenden Anleihekäufe für eine beachtliche Zeit niedrig bleiben. Allein die Aussicht, dass die Niedrigzinspolitik beibehalten wird, sorgte an den Aktienmärkten für deutlich steigende Notierungen. Bei Fed-Beobachtern ist es weitgehend Konsens, dass die erste Leitzinsanhebung in den USA nicht vor Mitte 2015 kommen wird.

Unbehagen bereiten den Anlegern dagegen weiterhin die geopolitischen Risiken, die mit dem Konflikt in der Ukraine sowie dem Vormarsch islamistischer Kräfte im Irak verbunden sind. So ist der Vormarsch der radikalen Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ (Isis) noch keineswegs gestoppt. Isis hat nach Angaben der US-Regierung zuletzt eine frühere Chemiewaffenfabrik besetzt. Weil das dort lagernde Material veraltet ist, geht die US-Regierung jedoch davon aus, dass die Terrorgrupe nicht in der Lage ist, dort Chemiewaffen zu produzieren.

Dennoch droht eine weitere Destabilisierung des Irak, der als wichtiges Ölförderland gilt. Abzulesen ist dies auch an den Ölpreisen, die zuletzt deutlich anzogen. US-Präsident Barack Obama reagierte auf den Vormarsch der Isis, indem er die Entsendung von bis zu 300 Militärberatern sowie die Bereitschaft zu gezielten Militärschlägen ankündigte.

Hoffnungen auf eine Deeskalation des Ukraine-Russland-Konflikts haben sich bisher gleichfalls nicht erfüllt. Im Gegenteil, die Krise spitzte sich weiter zu. Nach dem Scheitern der Verhandlungen hat Russland die Erdgasversorgung für die Ukraine eingestellt.

Durchwachsen fielen die in der vergangenen Woche die von Börsianern aufmerksam registrierten Konjunkturindikatoren aus. Der Empire State Index, der die Geschäftstätigkeit der Industrie im wichtigen US-Bundesstaat New York misst, stieg stärker als erwartet um 0,3 Punkte auf 19,3 Zähler und damit auf den höchsten Stand seit vier Jahren. Der Marktkonsens ging von einem Rückgang auf 15 Punkte aus. Positiv überraschen konnte zudem der Philadelphia-Fed-Index; er lag mit 17,8 Zählern über der Durchschnittsprognose der Marktteilnehmer von 14,0 Punkten. Die US-Industrieproduktion fiel im Mai mit einem Zuwachs von 0,6 Prozent gegenüber April ebenfalls besser aus als erwartet (Konsens: +0,5 Prozent).

Aus den USA kamen aber auch negative Konjunktursignale. Beispielsweise lag der Sammelindex der Conference-Board-Frühindikatoren im Mai mit 0,5 Prozent unter den Markterwartungen von 0,6 Prozent. Ähnliches gilt für den US-Immobilienmarkt: Sowohl die Baubeginne, die von April bis Mai um 6,5 Prozent sanken, als auch die Baugenehmigungen entwickelten sich deutlich schlechter als prognostiziert. Das passt zum Statement zur FOMC-Sitzung, in dem die Fed ebenfalls auf eine weiterhin langsame Erholung des Häusermarktes hingewiesen hatte.

Ernüchternde Zahlen wurden aus Deutschland gemeldet. Der ZEW-Index der Konjunkturerwartungen fiel den sechsten Monat in Folge – auf 29,8 Punkte – und enttäuschte damit die Vorhersagen der Prognostiker (Konsens: 35,0 Punkte). Trotz der schwachen Daten, die auf der Befragung von Finanzmarktexperten beruhen, zweifelt kaum jemand daran, dass sich die moderate Konjunkturbelebung in Deutschland im Laufe des Jahres fortsetzt.

Aufschlüsse darüber, ob der Konjunkturoptimismus gerechtfertigt ist, könnte der ifo-Geschäftsklimaindex geben, der am Dienstag veröffentlicht wird. Analysten gehen davon aus, dass der Wert für das wichtigste Konjunkturbarometer in Deutschland im Juni nur geringfügig niedriger ausfallen wird als im Mai. Das GfK-Verbrauchervertrauen, das am Mittwoch bekanntgegeben wird, soll im Juli sogar auf dem hohen Stand des Vormonats verharren. Wenn dann am Freitag die Mai-Einzelhandelsumsätze für Deutschland kommen, wird sich zeigen, ob sich die gute Stimmung der deutschen Verbraucher auch wirklich in den Kassen des heimischen Handels niederschlägt.

In den USA steht in der neuen Woche ebenfalls eine Reihe von Konjunkturdaten auf der Agenda: Einkaufsmanagerindizes, das Verbrauchervertrauen des Conference Board, Auftragseingänge der Industrie, Zahlen zu privaten Einkommen und Ausgaben sowie die Verkäufe bestehender Häuser und der Case/Shiller-Hauspreisindex. Einige von ihnen könnten an den Aktienmärkten durchaus für Bewegung sorgen.

Solange die Notenbanken die Zinsen extrem niedrig halten und die Märkte mit Liquidität fluten und sich gleichzeitig die Konjunktur in den wichtigsten Regionen der Welt weiter erholt, ist ein Ende des Aufwärtstrends an den Aktienmärkten unwahrscheinlich. Allerdings wachsen die Bäume beim inzwischen erreichten Kursniveau und bei teilweise schon recht hohen Aktienbewertungen auch nicht mehr in den Himmel. Es dürfte in den kommenden Monaten eher zäh und wenig dynamisch aufwärts gehen. Außerdem werden wohl schlechte Nachrichten aus dem Irak und der Ukraine bei den Börsianern immer wieder für Verstimmungen sorgen, weshalb mit größeren Schwankungen der Aktiennotierungen als in den vergangenen Wochen zu rechnen ist.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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