Kolumne: Mein Held der Woche

Gut selbstvermarktet, Norbert Müller

Es muss nicht immer Dschungelcamp sein: Ein Hinterbänkler im Brandenburger Landtag hat gezeigt, wie man ganz schnell bekannt werden kann

Hand aufs Herz – kannten Sie Norbert Müller? Nein, er ist kein Verwandter unseres WM-Superlaune-Rekordtorschützen. Er kommt auch nicht aus Bayern, sondern aus Brandenburg. Und dort sitzt er für die Linkspartei im Landtag, ist Mitglied im Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport. Hinterbänkler nennt man das landläufig.

Er hat es nun geschafft, dass sich mit ihm Prominente beschäftigen wie Linkspartei-Star Gregor Gysi, SPD-Bundestagsfraktionschef Thomas Oppermann, auch Bundespräsident Joachim Gauck. Dazu Staatsanwälte und Kommentatoren. Wie schafft er das? Wie kommt man zu derart großer Prominenz, ohne zuvor Maden im Dschungelcamp vertilgt zu haben?

Müller (Norbert) hat das ideale Mittel zur Selbstvermarktung entdeckt und angewandt: die Beleidigung des Bundespräsidenten. Auf Facebook hat er ihn einen „widerlichen Kriegshetzer“ genannt. Der Grund: Gauck redet seit Monaten einer aktiveren deutschen Außenpolitik das Wort, Einsatz der Bundeswehr inklusive.

Den Bundespräsidenten zu beleidigen, ist ideal, um den eigenen Bekanntheitsgrad rapide zu steigern. Denn Bundespräsidenten sind – den Fall Christian Wulff klammern wir mal aus – in der Regel die beliebtesten Politiker im Land, vor allem wenn sie auch noch so knuffig daher kommen wie Joachim Gauck. Wer sie beschimpft, der fällt auf. Müller ist aufgefallen.

Hinzu kommt, was nur wenige wissen: Auch im Jahr 65 der bundesrepublikanischen Demokratie gibt es noch den Straftatbestand der Majestätsbeleidigung. Denn die Verunglimpfung des Staatsoberhauptes kann mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden. Im Fall Müller trat auch prompt die Staatsanwaltschaft Potsdam auf den Plan. Ein Ermittlungsverfahren gegen einen Politiker – das kommt immer in die Medien. Müller konnte sich in den vergangenen Tagen reichlich in den Medien finden.

Und schließlich: Den Bundespräsidenten zu verunglimpfen, ist nicht nur aufmerksamkeitsträchtig, sondern auch völlig gefahrlos. Will die Staatsanwaltschaft so richtig aktiv werden, braucht sie nämlich die Ermächtigung des Bundespräsidenten. Doch die gibt es so gut wie nie. Denn welches Staatsoberhaupt mag sich schon nachsagen lassen, dass es Kritik völlig humorfrei mit der Justiz kontert? Also hat auch Gauck seine Ermächtigung versagt – und Müller hatte wieder ein paar Schlagzeilen.

Müller (Norbert) ist erst 28 Jahre alt, mit seinem Haarknoten und dem Fusselbart optisch ein Abbild seiner Generation. Er könnte noch viel bekannter werden, was dann in Talkshow-Einladungen und bessere Parteiposten mündet. Wenn er jetzt nicht einen Fehler gemacht hätte. Nach dem Wirbel um ihn verkündete er auf Facebook, er werde die Kriegsdebatte weiter führen, „sie aber nicht weiter durch forsche Polemik behindern“.

Das ist nun grundfalsch, widerspricht allen Regeln der Aufmerksamkeitsheischerei. Legen Sie also nach, Herr Müller. Beleidigen Sie weiter. Parteifreunde, die Kanzlerin, den Papst. Nur so kommen Sie heraus aus dem Potsdamer Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport, nur so kommen Sie herunter von der Hinterbank. Sie sind so hoffnungsvoll gestartet – enttäuschen Sie uns nicht!

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 6 Bewertungen (4,83 von 5)