Kolumne: It's the economy

Magie dank EZB?

10.000 Punkte –  gut möglich, dass der Dax diese magische Marke diesen Donnerstag knackt. Denn dann findet die nächste Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) statt. Die dürften viele Anleger abwarten, bis sie weitere Investitionsentscheidungen treffen. Sollte die EZB die hochgesteckten Erwartungen der Notenbank-Beobachter allerdings enttäuschen, kann es auch zu einem kräftigen Kursrutsch an Europas Aktienmärkten kommen

Es war EZB-Präsident Mario Draghi höchstpersönlich, der jüngst die Erwartungen schürte, dass die Zentralbanker für den Euroraum bereits am 5. Juni weitere geldpolitische Lockerungsmaßnahmen ergreifen werden. Eine Leitzinssenkung gilt an den Finanzmärkten als ausgemachte Sache. Uneinigkeit herrscht allenfalls, welche zusätzlichen Geschütze Draghi und seine Mitstreiter auffahren.

Schon seit längerer Zeit signalisieren die Notenbanker, dass sie etwas gegen eine drohende Deflation und die Eurostärke unternehmen wollen. Mit 0,7 Prozent liegt die Teuerungsrate in den Augen der Währungshüter zu nahe an einer möglichen Abwärtsspirale von sinkenden Preisen, Löhnen, Investitionen und Beschäftigung. Am Montag überraschte die Mai-Inflationsrate für Deutschland die Ökonomen und verstärkte den Druck auf die EZB. Denn die Verbraucherpreise stiegen in der größten Volkswirtschaft der Eurozone so schwach wie seit vier Jahren nicht mehr.

An den Märkten wird gemunkelt, der EZB-Rat könnte erstmals einen negativen Zins für Einlagen der Banken bei der EZB beschließen. Das würde darauf abzielen, die Banken dazu zu bewegen, ihre überschüssigen Mittel nicht mehr zu horten, sondern als Kredite an die Wirtschaft zu vergeben. Maßgebend für die Wahl der geldpolitischen Instrumente dürften die neuen Prognosen der EZB-Volkswirte zu Inflation, Wirtschaftswachstum und Beschäftigung sein, die Draghi am Donnerstag präsentieren wird.

Vergangene Woche hatte kurzfristig das Ergebnis der Europawahl den Aufwärtstrend an den Börsen unterstützt, vor allem in den Euro-Randstaaten. So profitierte unter anderem der italienische Aktienmarkt von dem positiven Wahlausgang für die von Premier Matteo Renzi geführte Regierung. Auf längere Sicht ist das Resultat der Europawahl jedoch bedenklich, gingen aus ihr doch in Frankreich, Großbritannien und Griechenland EU- und Euro-skeptische Parteien als stärkste politische Kraft hervor. Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass es immer schwieriger wird, den Reform- und Konsolidierungskurs in der Eurozone fortzusetzen.

Reformen fallen den Regierungen naturgemäß leichter, wenn sie in einem positiven wirtschaftlichen Umfeld stattfinden. Nach wie vor gestaltet sich die konjunkturelle Erholung aber zäh. Zuletzt fielen die Daten durchwachsen aus und konnten den Aktienmärkten keine eindeutigen Impulse in die eine oder die andere Richtung geben. So wurden in Deutschland überraschend schwache Arbeitsmarktzahlen für den Mai veröffentlicht. Saisonbereinigt stieg die Zahl der Arbeitslosen um 24.000, während Analysten einen Rückgang von 15.000 vorausgesagt hatten. Die Arbeitslosenrate verharrte mit 6,7 Prozent auf dem Stand des Vormonats. Schlechter als prognostiziert fielen auch die Einzelhandelsumsätze für Deutschland aus. Der Konsens war davon ausgegangen, dass sie von März bis April um  0,2 Prozent stiegen, gemeldet wurde ein Minus von 0,9 Prozent. Immerhin lag der Index des Industrievertrauens im Euroraum mit -3,0 Punkten etwas höher als die veranschlagten -4,0 Zähler. In den USA überwogen die positiven Überraschungen. Dort gingen die Auftragseingänge langlebiger Güter von März bis April um 0,8 Prozent nach oben, während Analysten mit einem Rückgang um 0,7 Prozent gerechnet hatten. Besser als erwartet waren zudem der Markit-Einkaufsmanagerindex und die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe.

Die neue Woche bringt wieder einige Konjunkturdaten, die an den Märkten für Bewegung sorgen könnten. Dazu gehören die endgültigen Einkaufsmanagerindizes für die Industrie und den Dienstleistungssektor der Eurozone und der USA, aber auch die Auftragseingänge für Deutschland und die USA. Erwähnenswert sind außerdem Industrieproduktion und Exporte Deutschlands sowie der Arbeitsmarktbericht für Amerika. Die stärkste Aufmerksamkeit der Börsianer gilt jedoch der am Donnerstag stattfindenden Sitzung des EZB-Rats. Dabei gilt als sicher, dass der Leitzins von derzeit 0,25 Prozent auf den neuen historischen Tiefststand von 0,1 Prozent gesenkt wird.

Während die Konjunktur, insbesondere in Europa, noch reichlich Luft nach oben hat, haben die Bewertungen an den Aktienmärkten bereits ein hohes Niveau erreicht. Das gilt vor allem für den US-Markt. Steht damit die Hausse kurz vor ihrem Ende? Historische Betrachtungen zeigen, dass Phasen hoher Bewertungen meist erst dann zu Ende gehen, wenn auch die Konjunktur kippt und in eine Rezession übergeht. Bis dahin steigen die Aktienkurse weiter, wenn auch nicht mehr besonders dynamisch. Da die Indikatoren insgesamt darauf hindeuten, dass sich die Konjunktur bis Ende des Jahres eher beschleunigt, dürften auch die Unternehmensumsätze und –gewinne nach oben gehen. Das spricht dafür, dass die Stimmung an den Börsen vorerst positiv bleibt und die Notierungen noch Potenzial nach oben haben. Die 10.000-Punkte-Marke beim DAX ist also wahrscheinlich noch nicht das Ende der Fahnenstange.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne “Moneytalk” jeden Dienstag.

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