Kolumne: Auf einen Klick

Schluss mit der Macherfeindlichkeit

Das Projekt „Krautreporter“ wird niedergemacht, noch bevor es überhaupt gestartet ist – aus Unkenntnis, aber auch aus ideologischen Gründen

Es ist eine ausgesprochen merkwürdige Debatte, die sich Medienkritiker derzeit im Netz liefern: Da starten mal engagierte Journalisten ein Online-Medium, sammeln dafür online Geld ein, wollen auf Recherche setzen statt auf Werbung, auf Länge statt auf Klicks – machen also genau das, was Journalistenkritiker sonst fordern – und dann ist es auch wieder nicht recht.

Es geht dabei um „Krautreporter“, ein zweifellos ambitioniertes Projekt von knapp 30 mehr und minder erfahrenen Reportern und Redakteuren. Sie wollen von mindestens 15.000 Menschen mindestens 60 Euro im Jahr einsammeln und damit guten, anzeigenfreien, rechercheintensiven, mutigen Journalismus finanzieren. Ob sie das schaffen, ist gut eine Woche vor Ende der Frist schwer zu sagen, bislang haben sie knapp 7000 Interessierte (darunter mich) gefunden, ihnen im Voraus eine Geldsumme zuzusagen, ohne schon genau zu wissen, was man dafür am Ende erhält.

Es wäre zwar schade, wenn sie ihr Ziel nicht erreichen würden, allerdings auch kein Weltuntergang. Die Schuld der Macher wäre es allerdings nicht – sie wollten ja etwas machen. Zumindest eine Mitverantwortung tragen allerdings jene, die das Projekt kritisieren, ohne sich damit zu beschäftigen.

Die Kritik erfolgte dabei in mehreren Wellen. Die erste war: „Oh, die Frauen sind im Team in der Minderheit!“, oder „Oh, ich kann nicht mit Paypal bezahlen!“. Es waren schlichte und schlicht dumme Kritiken. Nicht nur, weil nicht zu erkennen war, warum die quantitative Geschlechtergleichheit per se wichtig ist. Und als ob qualifizierte Menschen Schlange gestanden hätten, bei dem ungewissen, bislang unbezahlten Projekt mitzumachen, die Macher aber partout keine Frauen und Migranten zulassen wollten. Tatsächlich waren sie sicher froh über jeden Fähigen, der sich bei ihnen für ein regelmäßiges Engagement meldete. Solcherlei Einwände waren nicht nur dumm, weil etwa die Verwendung der Kreditkarte kein Hinderungsgrund sein kann, zumal die Krautreporter einen Work-around für Nicht-Kreditkartenbesitzer erklärten. Sondern vor allem, weil die Kritik schon auf der Seite der Krauts entkräftet worden war, man es nur hätte nachlesen müssen. So setzten sie etwa auf die Kreditkarte, schreiben sie auf ihrer Seite, weil sie nur damit die Summe reservieren konnten, ohne sie gleich abzurufen oder einen teuren Zwischenmakler einzuschalten.

Die zweite Welle der Kritiker waren dann die Missversteher: Sie hatten das noch teils lückenhafte Konzept nicht verstanden oder wollten es auch nicht. So wurde etwa gemutmaßt, die Krautreporter wollten sich dafür bezahlen lassen, dass Leser mit ihnen kommunizieren können – ein Gedanke, der keiner sein kann, würde er doch durch Nachdenken sich sofort wieder auflösen.

Das zwang die Organisatoren immerhin, sich konkreter zu äußern, welche Inhalte sie sich vorstellen, welche Trennung von Free und Premium angedacht ist, ob es Videos geben soll. Das ist schwer. Denn sicher: Die Macher verlangen eine große Summe, 900.000 Euro ist ihr Ziel. Aber niemand darf dafür schon ein 100prozentig ausgefeiltes Projekt erwarten, mit Nullnummern, Probetexten und Probeläufen, Themen-Quoten, perfekten Onlineauftritten und Rückkanälen. Dafür fehlt den Machern bislang schlicht das Geld. Verlage pumpen in solche Vorphasen Millionen, über Monate. Und sind dann oft immer noch nicht viel weiter als die Krautreporter jetzt, die sich auf ein neues Terrain wagen, mit einem Geschäftsmodell, das bislang noch von niemandem in Deutschland erprobt worden ist. Von ihnen also bereits quasi fertige Produkte und Abläufe zu verlangen, ist schlicht unfair.

Und schließlich kam die dritte, perfideste Welle der Kritiker: Die Abwinker. Das Projekt, heißt es von ihnen, sei arrogant, weil es der Welt drohe: Geld her oder uns gibt es nicht (Dabei ist das eine schlichte Tatsache – wenn die Summe nicht zusammenkommt, gibt es Krautreporter nicht). Die Macher machten gar keinen neuen Internetjournalismus, sondern wollten nur alten in die neue Zeit retten (obwohl sie auf neue Geldakquirierung, neue Plattformen, neue Themensammlung und neue Leute setzen). Und: Selbst wenn einige tausend Menschen Geld geben wollten, zähle das nicht – denn viele sind von denen ja auch Journalisten. Als wenn andere Journalisten nicht ebenfalls guten Journalismus wollten. Und weniger zählten.

Diese dritte Form der Kritik ist perfide, weil sie kaum aus der Welt zu argumentieren ist. Sie wird nicht gespeist aus Unkenntnis (erste Welle) oder Missverständnissen/Unklarheiten (zweite Welle). Sondern aus der kruden Ideologie, dass Journalisten, die ihr Handwerk gelernt haben und für ihre Arbeit nun Geld sammeln wollen, schlechtere Menschen sind. Dinosaurier, die gefälligst auszusterben haben, statt sich anzupassen oder gar Neues zu entwickeln. Gelernte Journalisten sind für viele im Netz leider immer noch der Feind. Weil sie keine Amateure sind, wie die meisten ihrer Kritiker. Erst recht, wenn sie sagen: Leistung (die finanziert werden muss) gibt es nur gegen Geld – wie auf einem Markt, mit selbstbewussten Teilnehmern auf Augenhöhe. Und nicht darum betteln, auf Gnade der Netzgemeinde hoffend.

Bei aller auch berechtigten Kritik, die Krautreporter im Detail verdient: Immerhin trauen sich die Organisatoren was. Sie probieren ein völlig neues Konzept aus, haben sich engagierte Könner zusammen geholt, haben sich Gedanken gemacht, wie man den Ruf nach besserem Journalismus im Netz endlich realisieren kann. Sie sind keine Theoretiker, (wie viele ihrer Kritiker) sondern Macher. Nun sollte man ihnen erst einmal die Chance geben zu machen.

Weitere Infos und Möglichkeit zur Unterstützung: http://blog.krautreporter.de/

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