Kolumne: Mein Held der Woche

Sie sind ein ganzer Kerl, Alice Schwarzer

Alle mokieren sich über Deutschlands berühmteste Feministin, weil sie offenbar noch viel mehr Steuern hinterzogen hat. Wir nicht. Wir sagen: Hut ab!

Ist es nicht putzig? Nun entrüsten sie sich wieder. Jammern über den Bärendienst, den Sie angeblich der deutschen Frauenbewegung erwiesen haben. Empören sich darüber, dass Sie so oft die Moralkeule gegen andere geschwungen haben und nun selber als Steuerunmoralische decouvriert werden. Und meist sind dies solche, die schon immer ein Problem hatten, entweder mit Ihnen, Alice Schwarzer, oder mit der gesamten Frauenbewegung oder zumindest mit der eigenen Frau.

Wir machen das nicht. Wir sagen: Respekt! Hut ab! Denn Sie haben geschafft, was nur wenigen gelingt: ein eigenes Geschäftsmodell zu entwickeln. Ihnen ist es gelungen, gemeinnützige mit sehr eigennütziger Arbeit zu kombinieren, und das rechtfertigt eine Nominierung für den Deutschen Gründerpreis. Mindestens.

Sie haben viel getan für Deutschlands Frauen, Alice Schwarzer. Das wird nicht einmal der schärfste Steuerfahnder leugnen. Sie haben viel angestoßen und einiges erreicht, um die Rechte der Frauen durchzusetzen und ihre Stellung in der Gesellschaft zu stärken. Und quasi en passant haben Sie auch einiges für Ihre private Vermögenslage getan.

Schon als Ihr Schweizer Bankkonto publik wurde und Sie mal rasch rund 200.000 Euro Steuern plus Zinsen nachzahlten, um eine Strafverfolgung zu verhindern, waren wir baff. Bei solch einer hohen Steuersumme muss sich in der Schweiz so einiges angesammelt haben. Und da nicht bekannt ist, dass Sie einen Strukturvertrieb oder ein Stahlwerk betreiben, muss das Geld wohl aus dem Kampf für die Frauenrechte stammen. Und offenbar muss sich da noch einiges mehr angesammelt haben, diesmal in Deutschland. Jedenfalls scheinen darauf jene Steuerfahnder Hinweise zu haben, die sich kürzlich ihre Bankkonten und Ihr Wohnhaus im Oberbergischen vorknöpften.

Offenbar lässt sich mit Opfern – in diesem Fall: den diskriminierten Frauen – eine Stange Geld verdienen. Irgendwelche Gutmenschen hätten sich nun damit begnügt, mit den Einnahmen die Kosten zu decken und den Rest zu spenden: für Frauenhäuser, Kitas oder irgendwelche feministischen Forschungsprojekte. Aber doch nicht Sie, Frau Schwarzer. Sie haben das meiste behalten und es sich gut gehen lassen. Damit haben Sie sowohl bewiesen, dass Sie a) clevere Geschäftsmodelle entwickeln und b) abgezockt wie ein Kerl sein können. Das nennt man wahre Gleichberechtigung.

Insofern: Lassen Sie die ganze Kritik an sich abperlen und genießen Sie das schönste aller Komplimente: Sie sind ein ganzer Kerl, Alice Schwarzer.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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