Kolumne: Auf einen Klick

Wir alle sind FIFA

Für die Korruption und die Ausbeutung in den WM-Staaten ist nicht irgendein Schweizerischer Verband verantwortlich. Wir selber sind verantwortlich dafür. Deshalb gehört an jede Kritik der FIFA oder ihrer WM ein Disclaimer – damit es auch der Letzte endlich kapiert

Brasilien liegt in Südafrika, die USA in Asien, bei der Weltmeisterschaft spielt Kaufland mit und im Finale treten 13 Mannschaften gegeneinander an (plus zwei Ersatz). Das zumindest antworteten jene Fußballfans, die Stefan Raab für seinen „WM-Check“ kürzlich befragte. Auch wenn diese sicher nicht ausgewählt wurden nach repräsentativen Gesichtspunkten, sondern unterhalterischen – das Video sollten sich all jene Kommentatoren angucken, die derzeit mal wieder vermehrt über die FIFA und ihre Veranstaltungen berichten. Und dabei ein paar scheinbare Selbstverständlichkeiten vergessen zu erwähnen.

Für die ist es mal wieder en vogue, sich besonders kritisch mit dieser Organisation zu beschäftigen. Und warum auch nicht? Nicht nur, dass der Verband selbst regelmäßig Vorlagen für Kritik liefert – Korruptionsvorwürfe, Steuerflucht, Zwangsarbeit in WM-Stadien, Beckenbauer -, es ist ja auch scheinbar so einfach. Sich an großen Tieren reiben macht Spaß, gibt einem selbst das Gefühl von Größe und stärkt so das Gefühl der Selbstbedeutung. Erst recht, wenn es das Großtier selbst nicht juckt.

Die FIFA wird in solchen Berichten dann gern als das Monstrum dargestellt, als Leviathan, als Fußballgolem, der irgendwie in die Welt kam und seither von Land zu Land zieht, um die dortigen Bürger auszubeuten.

Etwas Wesentliches wird in den Empörungen darüber allerdings leider vergessen zu erwähnen: Die FIFA, das sind wir. Wir Fußballfans, wir WM-Gucker, wir Vereinsmitglieder, wir Sponsoren-Produkte-Käufer. Wir Bürger. Ohne uns könnten Sepp Blatter und sein FIFA-Exekutivkomitee nie so agieren, wie sie es tun. Weil wir sie lassen. Und weil Kommentatoren es regelmäßig vergessen zu erwähnen. So aber entsteht der Eindruck, die FIFA sei unkontrollierbar, abgekoppelt, grenzenfrei. So kann selbst ein Theo Zwanziger, immerhin Mitglied im FIFA-Exekutivkomitee, sich einfach vor Kameras stellen und sich wundern, dass die WM an das Hitzeland Katar gegangen ist und erklären, dass er Sklavenarbeit empörend findet. Als wenn er und sein DFB damit nichts zu tun hätten. Aber er darf das, denn keiner erinnert ihn daran.

Wer es ernst meint mit seiner Kritik an der FIFA, der müsste daher künftig immer folgenden Disclaimer ergänzen:
1. Wer die WM anschaut, unterstützt damit die Ausbeutung der WM-ausrichtenden Länder.
2. Wer Mitglied in einem Fußball-Verein des DFB ist (der wiederum FIFA-Mitglied ist), ist mitveranwortlich für die Straftaten der FIFA-Spitze.
3. Wer dagegen ist, dass die FIFA Sonderrechte von Staaten bekommt, der darf nicht für Politiker stimmen, die sich in Stadien zeigen, sich mit Fußballstars umgeben oder zu WM-Spielen reisen. Denn die fühlen sich dann bemüßigt, der FIFA alles zu ermöglichen.
4. Wer Coca Cola trinkt, Adidas-Klamotten trägt oder bei McDonalds essen geht, unterstützt die Vetternwirtschaft und die Korruption bei der FIFA.

Wer also gegen Korruption rund um die Fußball-WM etwas tun will, kann Sponsorenprodukte boykottieren, auf Vereinsveranstaltungen protestieren, Theo Zwanziger heftig kritisieren. Oder sogar den Fernseher ausschalten. Bis das die letzten WM-Checker bei Stefan Raab verstanden haben.

Aber das will ja auch wieder keiner.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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