Kolumne: Grenzgänger

Wir holen Euch raus!

Der Fall des Höhlenforschers Johann Westhauser wirft Fragen auf. Muss die Gemeinschaft für die Kosten der Rettung aufkommen, wenn Extremsportler, Forscher oder Grenzgänger aller Art ins Straucheln geraten?

Ein Grenzgänger ist ja ein Mensch, der per Definition über Grenzen geht. Raus aus der eigenen Komfortzone oder der „Zentralheizungsgesellschaft“, wie der österreichische Basejumper und Extremsportler Felix Baumgartner kürzlich in einem Interview mit dem „Handelsblatt“ so treffend formulierte.

Fragt sich nur, wer haftet, wenn was schief geht? Wer hätte die Teile von Baumgartner wieder eingesammelt, wäre sein Sprung aus 39 Kilometern Höhe, sagen wir mal, weniger optimal verlaufen? Nur der Grenzgänger selbst? Oder etwa die Allgemeinheit?

Die Frage stellt sich vor allem im Fall des Höhlenforschers Johann Westhauser, der vergangene Woche nach mehreren Tagen und einem immensen Rettungsaufwand wieder an der Erdoberfläche aufgetaucht ist, nachdem ihn ein herabgestürzter Felsbrocken in der Riesending-Schachthöhle in den Berchtesgadener Alpen beinahe umgebracht hatte. Die Kosten für den Einsatz sind noch nicht beziffert. Klar ist aber, der Einsatz war enorm teuer. Kein Wunder bei annähernd 1000 Helfern!

Westhauser geht es mittlerweile besser, er wird gut versorgt, und sein Schädel-Hirn-Trauma wird eines Tages überwunden sein. Mit jedem Tag der Genesung aber stellen sich andere die Frage, ob solche waghalsigen Touren in tiefe, enge Höhlen mit einem solchen Gefährdungspotential sein müssen – wenn im Unglücksfall andere die Suppe auszulöffeln haben.

Der Spiegel-Online-Redakteur Stefan Kuzmany beantwortet die Frage so für sich: „Als Westhauser in die Riesending-Schachthöhle stieg, war er im Auftrag der Menschheit unterwegs.“ Und weiter: „Würde die Menschheit sich dazu entschließen, keine Höhlen mehr zu erforschen, nicht mehr in die Meere zu tauchen und den Weltraum Weltraum sein zu lassen, weil das alles zu gefährlich und zu teuer ist – sie hätte vielleicht ein bequemes, sicheres Leben in Wärme und Licht. Aber tatsächlich hätte sie sich damit in eine tiefe Höhle gelegt: zum Sterben.“

Eine, wie ich finde, sehr plausible und richtige Antwort auf die Frage, ob die Allgemeinheit etwas davon hat, wenn Leute wie Westhauser in tiefe Höhlen steigen.

Schwieriger aber wird es, wenn Leute wie Baumgartner aus 39 Kilometern Höhe springen, noch dazu von Red Bull („Red Bull Stratos“) finanziert, als extreme Werbeaktion mit riesigem Unterhaltungsfaktor. Red Bull verleiht Flügel sozusagen.

Wo verläuft die Grenze? Darf sich ein Forscher, der sich Forscher oder besser Speläologe nennt wie Westhauser, in große Gefahr begeben, derweil andere, denen man vielleicht eher hedonistische oder gar rein finanzielle Beweggründe unterstellt – etwa Sky-Diver oder Extremkletterer ohne Sicherung –, für ihr Privatvergnügen haften sollten?

Eine solche Unterscheidung ist künstlich: Der Bergsteiger Reinhold Messner zum Beispiel hat Zeit seines Lebens für Furore gesorgt, indem er den „Alpinstil“, also das Bergsteigen ohne Sauerstoffflaschen und lange Fixseile, wieder zurück in den Alpinismus gebracht hat. Er war, gemeinsam mit Peter Habeler, der erste Alpinist, der es ohne künstlichen Sauerstoff auf den höchsten Berg der Welt schaffte. Seine bergsteigerischen Leistungen waren enorm, und mindestens genau so enorm war und ist seine Fähigkeit, dem an sich schnöden Berggehen eine philosophische Grundhaltung mit auf dem Weg zu geben. Messner, der Höhen-Philosoph. Messner, der Geschichtenerzähler.

Messner entspricht deshalb so gar nicht dem Typ des hedonistischen Extremsportlers, obwohl er im Grunde aus ähnlichen Beweggründen losgezogen ist: aus unendlicher Freude am Bergsport, völlig subjektiv empfunden, man könnte sagen: aus Spaß an der eigenen Freude. Selbstbezogen bis in die Extreme, als berauschendes Fest der eigenen Fähigkeiten. Er hat das selbst so erkannt, weil er sein Tun als „sinnlos“ begreift. Natürlich wissend, dass viele Menschen – ich auch – Bergsteigen eher als sinnstiftend begreifen.

Aber hat er bahnbrechende Forschungsergebnisse mit ins Tal gebracht? Nein. Warum auch? Und was unterscheidet Messner von einem Kletterer wie Alain Robert, der die Petronas-Towers in Kuala Lumpur erklettert hat? Nichts. Und das muss es auch nicht.

Wir werden uns daran gewöhnen müssen: Menschen wie Messner, Westhauser und Baumgartner bringen die Menschheit weiter, weil sie stellvertretend für viele, die ihre Komfortzone niemals verlassen, die Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit ein Stück weit verschieben. Das gilt übrigens auch für großartige Erfinder, Musiker, Bildhauer oder Sportler. Sie werden dabei immer auch Kosten verursachen. Manchmal sogar immense Kosten. Das ist es aber wert, auch wenn manche Zeitgenossen den Sinn einer Aktion nicht sofort verstehen.

Martin Benninghoff, Journalist in Berlin, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt. Seine OC-Kolumne „Grenzgänger“ erscheint jeden zweiten Mittwoch.

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