Kolumne: Auf einen Klick

17 Wünsche für den nächsten Fußball-TV-Marathon

Nicht alles war schlecht bei dieser WM-Berichterstattung von ARD und ZDF. Aber es gibt jede Menge Möglichkeiten, sie beim nächsten Mal erträglicher zu machen

Fast vermisst man sie ja schon in diesen Tagen, die WM-Berichterstattung in ARD und ZDF. Jetzt, wo die beiden öffentlich-rechtlichen Hauptsender wieder ihr normales Programm bringen, mit „Brisant“ und „Hallo Deutschland“ und „Leute Heute“ und „Wissen vor Acht“ und „Rach tischt auf“. Da wirken Katrin Müller-Hohenstein oder Alexander Bommes gar nicht mehr so schlimm. Fast.

Nun sind es ja leider noch zwei Jahre bis zum nächsten Fußballerischen Großereignis, das ist sicher für die ÖR-Sendeanstalten kaum genug Zeit, um über Fehler beim letzten Mal nachzudenken und um sie beim nächsten Mal zu vermeiden. Damit es ihnen etwas einfacher fällt, hier ein paar Vorschläge:

1. Unterscheidet euch als Sender nicht nur dadurch, dass bei dem einen „Experten“-Duo der ohne Haare links steht und beim anderen der ohne rechts. Probiert doch auch mal drei oder vier – wie in angelsächsischen Sendern.

2. Statt Geld dafür auszugeben, alternde Fußballstars Land-und-Leute.Reporter und Interviewer spielen zu lassen, warum setzt Ihr sie nicht dafür ein, Fußball zu erklären? Zum Beispiel während des Spiels, mit dem Kommentator? Dann muss der auch nicht immer reden.

3. Mehr Zeit für Analyse, weniger für Stimmungsbilder von Fanmeilen und inländischen Bars. Mehr Mehmet Scholl, weniger Fernanda Brandao.

4. Mehr Zeit in das Überlegen von Fragen, weniger in die Krawattenauswahl investieren, Herr Delling.

5. Nutzt die vielen Kameras mal nicht nur, um auf Euer Internetangebot zu lenken. Traut euch doch auch mal, ein ganzes Spiel aus der Hintertorkamera oder der Totale auf einem Eurer vielen Digitalsender parallel zu zeigen. Dann sind sie wenigstens synchron zum Spielverlauf und nicht – wie im Netz – um eine spannungsraubende Minute verzögert.

6. Erklärt mir nicht einen Tag nach einem Deutschland-Spiel zu dramatischer Musik, dass Deutschland gewonnen oder verloren hat. Das weiß jeder bis dahin. Solche Beiträge sind wie Phil Collins im Radio – die Stücke schrecken nicht so sehr ab, dass jemand umschaltet, aber sie interessieren auch keinen.

7. Wenn ihr schon, aus Quoten- und Werbeunterbrechungsgründen, in der Halbzeit Nachrichten zeigt, dann zeigt dort auch Nachrichten und nicht eine Tagesschau oder Heute-Sendung, die berichtet, wie es gerade im Spiel steht und was die Zuschauer darüber denken.

8. Sorgt in den Nachrichtensendungen dafür, dass Eure Krisenreporter (Gaza) nicht genauso aussehen und das Gleiche sagen wie Eure „Vor-dem-Stadion“-Reporter.

9. Macht eine Liste mit Klischeeausdrücken für das Gastgeberland – und setzt sie auf den Index. Droht jedem, der indizierte Klischees ausspricht, mit Sendezeitentzug.

10. Macht Euch nicht erst über den „Spirit“-Glauben der US-Mannschaft lustig und erklärt dann den Sieg der Deutschen mit ihrem „unbedingten Willen“ und ihrem „Mannschaftsgeist“.

11. Erklärt mir nicht, dass die Mannschaft wichtig ist – und widmet dann all eure Sendezeit nur Lobgesängen auf Postars wie Neymar, Müller oder Messi.

12. Lest Tweets nur dann öffentlich vor, wenn sie wirklich, also wirklich witzig sind oder besonders herausragende News enthalten. Ansonsten liegt die Relevanz von Twitter-Zitaten irgendwelcher Zuschauer auf der von Pressemitteilungen des ESV Lok Neudietendorf. Wer Tweets wahllos vorliest, wirkt nicht jung, sondern wie ein alter müffelnder Mann, der „Klamotten“, „dufte“ und „geil“ sagt.

13. Ladet nicht ausländische WM-Stars zum Expertengespräch ein, um sie dann nur darüber auszufragen, wie es für sie war, als sie Oliver Kahn begegneten.

14. Erklärt mal, wieso Ihr Einschaltquoten von 35 Mio. Zuschauern feiert, wenn das bedeuten würde, dass 45 Mio. nicht zuschauen. Ach, die Zahl kann gar nicht sein, weil die GfK-Quotenermittler keine Public-Viewing-Besucher erfassen und sie damit völlig wertlos und ohne Aussage ist? Dann ignoriert sie doch einfach, anstatt Euch mit ihr selbst zu feiern.

15. Falls Ihr von der Fanmeile in Berlin berichtet: Gebt nicht einfach die Besucherzahl wieder, die die Veranstalter sich erträumt haben. Redet nicht von „500.000 oder mehr“. Vor allem, wenn zugleich die Polizei vorrechnet, dass auf die 1,2 Kilometer lange Fanmeile mit einer Fläche von 40.000 Quadratmetern maximal 200.000 passen, dicht gedrängt.

16. Falls ihr mal nicht wisst, wie Ihr die Sendezeit den ganzen Tag über füllen sollt: Ihr müsst es ja nicht. Ein paar echte Nachrichten, Dokus oder Spielfilme zwischendurch können die Zuschauer durchaus vertragen.

17. Erinnert Euch wieder ab und zu mal daran, dass ihr Sportreporter sein wolltet und keine Sportverkäufer.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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