Kolumne: Auf einen Klick

An den Lesern scheitert es

Die „Süddeutsche Zeitung“ plädiert für einen besseren Dialog der Online-Journalisten mit den Lesern. Das Problem: Da wird die andere Seite wohl nicht mitmachen

Stefan Plöchinger hat ja Recht: Der Chefredakteur von Sueddeutsche.de sieht etwas im Argen, wenn er einen Blick auf die Leserkommentare unter Artikeln blickt. Da wird gepöbelt, gehetzt, getrollt, was die Tasten und die Klischees hergeben.

Plöchinger fordert deshalb einen neuen Leserdialog, wie er es nennt. Zum Beispiel weniger Seiten mit Kommentarfunktion, auf dass die Qualität der Beiträge steige. Oder auch ein Ende darüber, ob Kommentare anonym abgegeben werden können. Man solle, natürlich, die Leser ernst nehmen, die Foren ordentlich moderieren und auch mal Neues wagen – und damit Nutzer anzulocken.

Das sind alles zweifellos ehren- wie bedenkenswerte Vorschläge. Es ist jedoch zu befürchten, dass sie wenig ändern werden. Schuld ist die Grundannahme.

Die Foren könnten und sollten im Idealfall ein Platz sein, um in den Dialog mit Autoren und Mitlesern zu treten. Um Argumente auszutauschen, Fakten und Sichtweisen zu ergänzen, Fehler aufzudecken. Der Kommentierer ist in dieser Vorstellung ein rationaler, abwägender Medienkonsument, auf der Suche nach der Wahrheit, vorurteilsfrei, konstruktiv, nach Besserem strebend.

Es wäre zu schön. Zu schön, um wahr zu werden.

Denn so sind viele kommentierenden Leser leider nicht. Nur eine kleine Minderheit ist leider an einem echten offenen und für alle lehrreichen Austausch interessiert. Lieber wollen sie ihre Vorurteile bestätigt bekommen. Tut das der Artikel nicht, beschweren sie sich darüber und fordern es ein. Oder sie geben Banalitäten von sich, deren Erkenntnisgewinn für alle Null beträgt. Kostet ja nichts. Um Beispiele für diese pessimistische Einschätzung zu bekommen, muss man nicht auf Populistenfänger gehen wie Spiegel.de oder Welt.de. Das geht auch bei Sueddeutsche.de.

Dort steht (unter sehr, sehr vielen WM-Texten) etwa ein Nachrichtenstück über die Raketenangriffe auf Israel und den Gaza-Streifen. Zehn Leser haben ihn kommentiert. Die Erkenntisse daraus: Die Hamas ist eine Terrororganisation, deren Raketen aber nichts treffen; die Israelis sind kriegstreibende Besatzer; die Juden sind schuld; die Araber sind schuld; Frau Merkel tut nichts; Krieg ist schlecht.

Okay, vielleicht war das ein schlechtes Beispiel, weil es um Israel geht, das lockt immer die Falschen hervor. Und die meisten Hetzbeiträge sind wohl ohnehin schon durch Moderatoren gar nicht erst veröffentlicht wurden.

Wie wäre es dann mit dem nächsten Beitrag, über Pockenviren in einem US-Labor? Zwei Kommentare sind darunter: Einer, der den Amerikanern alles Böse unterstellt und einer, der darin kein Problem sieht, weil ja alle Älteren geimpft seien.

Oder der nächste, ein Bericht aus dem Prozess um Gustl Mollath: 14 Kommentare, die sich erstaunt zeigen, warum die Richterin eine Zeugin nicht vereidigt, wo wild spekuliert wird, was in dem Fall passiert ist, wo bereits ein Urteil gefasst wird.

Das ist ärgerlich, nicht nur für die Leser solcher Kommentare. Es ärgert auch die Journalisten, die solche Kommentare natürlich lesen. Die meisten wollen ja einen kritischen Dialog mit den Lesern, wollen bessere Artikel schreiben, Fehler korrigiert bekommen. Und erfahren, was sie das nächste Mal vielleicht besser erklären sollten.

Doch solche wertvollen Hinweise sind schwer, sehr schwer zu finden. Stattdessen muss man sich wieder und wieder durch Nichtigkeiten, Pauschalurteile und Klischees blättern, ohne darin Relevantes aufzuspüren. Da verstehe ich jeden Kollegen, der irgendwann daran die Lust verliert.
Ein besseren Leserdialog erreicht man daher nicht nur, indem Journalisten und Medien ihren Umgang mit diesem Kommunikationskanal überdenken. Vor allem die Leser selbst sind gefordert, sich selbst mal zu disziplinieren, sich zu öffnen – und auch mal zu schweigen, wenn sie nichts Wertvolles beizutragen haben. Dass dies eintrifft, wäre schön. Zu schön, um wahr zu werden.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die OC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

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