Kolumne: Moneytalk

Angst fressen Kurse auf

An den Börsen hatte die vergangene Woche ganz passabel begonnen, in Europa und in den USA konnten sich die Aktienindizes zunächst erholen. Doch dann erschreckte die Ankündigung verschärfter Sanktionen gegen Russland und der mutmaßlichen Abschuss eines Passagierflugzeugs über der Ukraine die Börsianer, die Notierungen drehten nach unten. Dabei gingen sowohl von der Unternehmens-Berichtssaison für das zweite Quartal, als auch von den Konjunkturdaten positive Impulse für die Märkte aus. Sie erwiesen sich aber als zu schwach, um die durch die politische Unsicherheit getrübte Stimmung der Anleger nachhaltig zu verbessern

Für eine positive Überraschung sorgten die US-Großbanken Citigroup, JP Morgan Chase und Goldman Sachs, deren Geschäftsergebnisse für das zweite Vierteljahr besser ausfielen als erwartet. Überzeugen konnten darüber hinaus die Berichte und Ausblicke der Technologiekonzerne Intel und SAP. Überhaupt ist die Quartalssaison in Amerika bisher ansprechend verlaufen. Von der bislang berichtenden S&P-500-Unternehmen konnten rund drei Viertel die Konsens-Prognose übertreffen, wobei sich das Gewinnwachstum im Durchschnitt auf knapp acht Prozent belief.

Allmählich läuft die Berichterstattung zum zweiten Quartal auch in Europa richtig an. Diese Woche legen unter anderem folgende Unternehmen ihr Zahlenwerk vor: Philips, Texas Instruments, Apple, Coca-Cola, Credit Suisse Group, Du Pont, McDonalds, Microsoft, United Technologies, ABB, Daimler, Dow Chemicals, Facebook, GlaxoSmithKline, Iberdrola, Unibail-Rodamco, Caterpillar, Visa, BASF, Deutsche Börse, LVMH, Roche, Repsol und Unilever.

Konnten sich die meisten Firmenberichte vergangene Woche durchaus sehen lassen, gilt dies zum großen Teil auch für die Konjunkturdaten, wenngleich mit regionalen Unterschieden. Erfreulich fielen vor allem die US-Daten aus. So übertrafen die regionalen Frühindikatoren für die US-Industrie, der Empire-State-Manufacturing-Index und der Philadelphia-Fed-Index die Prognosen der Analysten, womit sich die zuletzt sehr günstige Entwicklung der Frühindikatoren für die amerikanische Konjunktur fortsetzte. Selbst der US-Einzelhandelsumsatz von Juni, der gegenüber Mai um lediglich 0,2 Prozent statt der erwarteten 0,6 Prozent zulegte, war nur auf den ersten Blick schwach. Denn der Vormonatswert wurde nach oben revidiert und wichtige Einzelkomponenten präsentierten sich stark. Wachstumssorgen für China sind nach Bekanntwerden der Industrieproduktion von Juni und des Bruttoinlandsprodukts (BIP) des zweiten Quartals kleiner geworden, da beide Zahlen leicht besser ausfielen als vorausgesagt worden war.

Demgegenüber enttäuschte im Euro-Raum die Industrieproduktion von Mai mit einem Minus von 1,1 Prozent gegenüber Vormonat. Nach den schon zuvor veröffentlichten nationalen Produktionszahlen war dies allerdings keine große Überraschung mehr. In Deutschland verfehlte der ZEW-Index der Konjunkturerwartungen mit einem Rückgang von 29,8 auf 27,1 Punkte gleichfalls die Erwartungen. Die aktuellen Daten bestätigen den Eindruck, der sich seit einigen Wochen aufdrängt: Die Aktienmärkte erhalten von der Konjunkturseite Unterstützung, vor allem aus den USA und zuletzt auch wieder aus China. Doch in der Eurozone zeigen sich Abschwächungstendenzen, sicherlich auch auf Grund gewachsener geopolitischer Unsicherheiten. Dieser Eindruck wird durch die schwächere Entwicklung europäischer Aktien im Vergleich zu US-Aktien bestätigt.

Da stellt sich die Frage, ob nach der Eskalation der Kriege um Gaza und die Ost-Ukraine und vor allem nach dem offensichtlichen Abschuss der Malaysian-Airlines-Maschine, die konjunkturelle Erholung kippen könnte. Während in den USA der Aufschwung robust genug zu sein scheint, um von politischen Turbulenzen – die noch dazu geografisch weit entfernt sind – abgewürgt zu werden, sieht es diesseits des Atlantiks anders aus. Wenn man einmal von Deutschland absieht, ist die Erholung in Europa noch sehr labil, so dass bereits ein kleiner Schwächeanfall den Trend wieder nach unten drücken könnte. Es ist erst wenige Wochen her, als die EU-Kommission warnte, allein der Konflikt in der Ukraine und drohende Sanktionen gegen Russland könnten das Wirtschaftswachstum in einigen Ländern um bis zu ein Prozent drücken. Da für die meisten Euro-Staaten in diesem Jahr eher weniger als ein Prozent BIP-Zunahme prognostiziert wird, wäre man schnell wieder bei Stagnation oder gar Schrumpfung.

Es ist keineswegs so, dass nur die Exporte Richtung Osten für einen Wachstumsdämpfer sorgen könnten. Nimmt die politische Unsicherheit weiter zu, werden Unternehmensmanager vermutlich die eine oder andere Investition zurückstellen oder gleich ganz streichen. Das würde dann auch die Inlandsnachfrage bremsen. Verschärfen sich die Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine weiter, könnte das zudem Öl und andere Rohstoffe verteuern. Das wäre besonders für die Euro-Problemländer, in denen die wirtschaftliche Lage nach wie vor fragil ist, eine enorme Belastung. Klar ist: Die konjunkturellen Risiken sind für die Eurozone heute größer als noch vor wenigen Monaten.

Deshalb werden die Anleger in der neuen Woche aufmerksam verfolgen, ob die aktuellen Zahlen neue Erkenntnisse bringen. Hier zu Lande gilt das Interesse primär dem ifo-Geschäftsklima, für den die Analysten nur noch mit einen geringfügigen Rückgang rechnen. Kursrelevant könnten zudem die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes aus China, den USA, dem Euro-Raum und Japan sein. Zusätzlich stehen mit den Haus-Wiederverkäufen, den Neubau-Verkäufen und dem Auftragseingang langlebiger Güter weitere US-Daten auf der Agenda.

Die labile Konjunkturlage in der Eurozone dürfte auch den führenden Köpfen in der Europäischen Zentralbank (EZB) bewusst sein. Entsprechend rechnen die meisten Notenbankbeobachter damit, dass sie ihre extrem lockere Geldpolitik noch lange beibehält, über den Ankauf von Anleihen möglicherweise sogar noch expansiver gestalten wird. Dagegen hat die US-Notenbank Fed hat die Märkte darauf eingestimmt, dass die üppige Geldversorgung allmählich normalisiert wird. Zuletzt nahmen sogar Spekulationen zu, sie könnte den Leitzins bereits im ersten Halbjahr 2015 anheben und damit früher als lange Zeit von Fed-Chefin Janet Yellen und anderen US-Notenbankern signalisiert.

Umso mehr ließ vergangene Woche die Anhörung Yellens vor dem US-Kongress aufhorchen. Vor dem Bankenausschuss des US-Senats relativierte sie die Verbesserungen am US-Arbeitsmarkt und den jüngsten Inflationsanstieg und gab damit beruhigende Signale. Gleichzeitig schloss sie jedoch eine frühere Leitzinsanhebung bei einer unerwartet schnellen Erholung des Jobmarkts nicht aus. Außerdem sorgte sie bei Börsianern mit Bemerkungen zur Aktienmarktbewertung für Verunsicherung. Demnach seien die Bewertungen kleinerer Unternehmen im Bereich Social Media und Biotech überzogen. Diese Äußerungen wurden als Auslöser für darauffolgende Kursverluste im Nasdaq-Index verantwortlich gemacht. Dabei ging unter, dass in dem Statement Yellens auch davon die Rede war, dass die Bewertungen von Aktien, Immobilien und Unternehmensanleihen zwar deutlich gestiegen seien, sich aber im Großen und Ganzen weiterhin im Rahmen historischer Normen befänden.

Global betrachtet werden die reichliche Liquidität und die niedrigen Renditen für bonitätsmäßig gute Anleihen die Aktienmärkte weiterhin stützen. Günstig auf die Notierungen sollten sich darüber hinaus zunehmende Übernahmeaktivitäten der Unternehmen auswirken. Deutlich steigende Aktienkurse erscheinen aber in den kommenden Monaten wenig wahrscheinlich, da die Bewertungen an den Märkten inzwischen ein relativ hohes Niveau erreicht haben. Das gilt auch für den hiesigen Markt, bei vielen deutschen Aktien ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis nicht mehr günstig. Sicher scheint derzeit eigentlich nur eines zu sein: Je nach Nachrichten aus den diversen Krisengebieten werden die Kurse in nächster Zeit heftig schwanken.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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