Kolumne: Ach Berlin

Bitte nicht stören!

25 Jahre nach dem Mauerfall gibt es in Berlin immer noch eine Grenze: bei der Privatsphäre. Während im Westen die Bürger peinlich auf Diskretion achten, ist den Ostlern vielfach nichts peinlich

Der Rücken. Das kennt wohl fast jeder über 30. Also zum Arzt, dann Physiotherapie. Tut ja nicht weh. Doch als ich das letzte Mal zur Behandlung wollte, musste ich im Wartezimmer mitanhören, wie meine Therapeutin im Nebenzimmer per Telefon verlassen wurde. Was genau das Problem war, möchte ich hier nicht wiedergeben, aber ich weiß es. Und das Komische war: Das alles war mir peinlicher als ihr. Während ich so tat, als bekäme ich einen Anruf, um mich in den Flur zu stehlen, was zu noch peinlicheren Begegnungen im Hausflur führte, da die Nachbarn genau merkten, dass ich nur so tat, als würde ich telefonieren, ließ sich die Therapeutin innendrin in Zimmerlautstärke demütigen.

Für die einen mag das Petitesse sein, aber nach einigen Jahren im Osten dieser Stadt, erkenne ich ein System, wenn man so will: das System der DDR. Denn diese Erfahrungen macht man ständig, wenn man zu Ärzten geht: Die Arzthelfer rufen die Behandlungsergebnisse lautstark durch die Praxis, während im Westen des Landes die Menschen irgendwann Diskretionsstreifen auf dem Fußboden erfunden haben, hinter die man sich stellen muss. Klar, die Privatsphäre ist das hohe Gut einer liberalen Gesellschaft, das wissen wir nicht erst seit der NSA, das Individuum gilt zumindest in der Theorie mehr als die Masse.

In der DDR war das bekanntermaßen etwas anders: Kinder wurden teilweise schon nach vier Wochen und teilweise auch über Nacht von staatlichen Erziehern erzogen, und auch den FKK-Kult in der DDR  kann man als ein Ergebnis dessen sehen. Als Westkind erwarte ich auch 25 Jahre nach der Wende keine gleichen Lebensverhältnisse, und unterschiedliche Mentalitäten gibt es zwischen Nord und Süd auch. Ich möchte aber doch wenigstens darum bitten, dass die Ärzte wenigstens die Diskretion lernen. Ich müsste nämlich bald mal wieder zum Arzt. Der Rücken.

Stefan Tillmann, Mitgründer des Opinion Clubs, ist justament eingefallen, dass der letzte Zahnarzttermin auch schon wieder so lange her ist, dass es fast schon wieder peinlich ist, dort anzurufen.  

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