Kolumne: Mein Held der Woche

Buddeln Sie schön, Herr Grube

Der Chef der Deutschen Bahn will den Hamburger Bahnhof Altona verlegen. Soviel Mut zum Großprojekt verdient Respekt. Und zwar den allergrößten

Da heißt es immer, in Deutschland gibt es keine Entrepreneure mehr. Also keine Unternehmer, die sich etwas trauen, die gegen den Strich bürsten, die gegen den Strom schwimmen. So etwas gebe es nur in den USA, weshalb Facebook und Apple und Google auch dort erfunden wurden – und eben nicht in Deutschland. Und deshalb sei hierzulande seit dem VW Golf auch nichts Vernünftiges mehr erfunden worden.

Alles nebbich. Denn nun ist ein Mann aufgestanden, der all diesen Kulturpessimisten die Stirn bietet: Rüdiger Grube, der Chef der Deutschen Bahn. Sicherlich, seit der Einführung der Currywurst in den ICE-Speisewagen hat es in seinem Unternehmen auch keine wegweisenden Neuerungen gegeben. Aber dennoch demonstriert der Mann jetzt Wagemut: Er will den Hamburger Bahnhof Altona verlegen.

Für die Verlegung eines Bahnhofes um mehrere tausend Meter nach Norden gibt es einen Namen – Großprojekt. Und Großprojekt ist in Deutschland ungefähr so beliebt wie 9/11 in den USA. Großprojekt ist ein Synonym für „Ach du Scheiße“, also für Chaos, Kosten, Pech, Pleiten, Pannen. Großprojekte wie der Berliner Flughafen BER, der unterirdische Haltepunkt Stuttgart 21, die Hamburger Elbphilharmonie oder die Berliner BND-Zentrale sind imagebildend.

All dies aber schert Rüdiger Grube einen Dreck, er zieht seinen Stiefel durch. Der Mann kennt sich schließlich aus mit aussichtslosen Unterfangen. Trotz des schlechten Images seines Unternehmens hängt sich der CEO oft persönlich ans Telefon, um verärgerte Kunden davon zu überzeugen, dass bei der Bahn alles Bestens läuft. Wer so etwas macht, den kann doch ein popeliges Großprojekt nicht schrecken.

Allerdings lässt sich nicht leugnen, dass Rüdiger Grube einen Freund hat, der wohl stilbildenden Einfluss hatte: Hartmut Mehdorn. Der war sein Vorgänger bei der Deutschen Bahn, hob Stuttgart 21 aufs Gleis, versuchte anschließend die Pleite-Airline Air Berlin zu sanieren und rettet gerade beim Großprojekt BER, was nicht mehr zu retten ist.

Bekanntermaßen prägt das soziale Umfeld ein Individuum, und nun wissen wir auch, woher Grubes Neigung stammt, das schier Aussichtslose zu versuchen. Vielleicht ist es aber auch der Umstand, dass man als Chef eines Staatsunternehmens sich nicht auf Hauptversammlungen mit Aktionärsschützern herumschlagen muss, der diesen Wagemut produziert.

Wie auch immer: Lassen Sie sich von all diesen Kulturpessimisten nicht beirren, Herr Grube. Ziehen Sie Ihr Ding in Altona durch. Denn ohne mutige Menschen wie Sie wäre Amerika nie entdeckt worden. Oder so.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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