Kolumne: Moneytalk

Bye bye, Boom

Nach dem rasanten Aufschwung der letzten Monate gehen die Börsenkurse wieder in die Knie. Und das dürfte sich fortsetzen. Was sind die Gründe?

Diejenigen, die der Ruhe in Sachen Eurokrise nicht trauten, fühlen sich durch die jüngsten Ereignisse in Portugal bestätigt. Dort ist der Finanzkonzern Espírito Santo in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Daraufhin schossen die Risikoaufschläge auf portugiesische Staatsanleihen nach oben und die Kurse am Aktienmarkt Lissabon sackten ab. Ängste vor einer Ausweitung der Krise und Ansteckungsgefahren ließen auch die Notierungen anderer südeuropäischer Börsen in die Knie gehen.

Weil ein Unglück selten allein kommt, setzte just vergangene Woche auch noch eine Korrektur am US-Aktienmarkt ein, der auf die europäischen Märkte ausstrahlte. Allerdings kam diese Korrektur keineswegs unerwartet, da Analysten den amerikanischen Aktienmarkt schon seit geraumer Zeit für überhitzt halten. Weil die Ereignisse an der Wall Street nach wie vor großen Einfluss auf die Märkte diesseits des Atlantiks haben, gingen die Kurse auch in Europa auf Talfahrt. So sank der deutsche Leitindex DAX auf ein Wochentief von 9.618 Punkten, bevor er sich wieder leicht erholte.

Hinzu kommt der Konflikt zwischen der radikal-islamischen Hamas und Israel, der sich zu einem Krieg auszuweiten droht. Zwar sind die Börsianer Krisen im Nahen Osten längst gewöhnt, so dass der negative Einfluss auf die Aktienkurse nicht überschätzt werden sollte. Der Stimmung an den Aktienmärkten ist es aber kaum zuträglich, wenn zwischen dem Gazastreifen und Israel Raketen hin und her fliegen. Das gilt umso mehr, als der Ukraine-Russland-Konflikt weiter vor sich hin schwelt und eine Lösung der Probleme im Irak in weiter Ferne liegt.

Wer sich wenigstens von den aktuellen Konjunkturdaten Unterstützung für die Börsen erhofft hatte, wurde vergangene Woche ebenfalls enttäuscht. In Europa blieben die Zahlen zur Mai-Industrieproduktion in den drei größten Euro-Mitgliedsländern Deutschland, Frankreich und Italien weit hinter den Markterwartungen zurück und belasteten deshalb die Kurse. Die Exporte der deutschen Wirtschaft für den Mai verfehlten die Analysten-Vorhersagen gleichfalls. Selbst in den USA, wo in den vergangenen Wochen starke Frühindikatoren gemeldet worden waren, setzte es eine leichte Enttäuschung. Dort gab der NFIB-Optimismus-Index mittelständischer Unternehmen nach, während Konjunkturbeobachter einen Anstieg prognostiziert hatten.

Diese Woche stehen auf der Konjunkturseite vor allem in den USA wichtige Zahlen zur Veröffentlichung an: Der Einzelhandelsumsatz, der Empire State Manufacturing Index, die US-Industrieproduktion, die Wohnungsbaubeginne, der Philly Fed Index und der Index des Verbrauchervertrauens der Uni Michigan. In Europa werden sich die Anleger besonders für den ZEW-Index der Konjunkturerwartung für Deutschland interessieren. Der sollte nach den Rückgängen in den vergangenen Monaten im Juni nur noch geringfügig gesunken sein.

Überproportional betroffen von der jüngsten Kursschwäche waren Europas Bankaktien. Dazu trugen nicht nur die Probleme der Banco Espírito bei, sondern auch drohende Strafzahlungen für weitere europäische Geldhäuser in den USA wegen möglicher Verstöße gegen Embargo-Vorschriften. Kürzlich war in diesem Zusammenhang die französische BNP Paribas kräftig zur Ader gelassen worden, auf die Commerzbank kommt möglicherweise eine Zahlung von 500 Millionen Euro zu, für die bereits Rückstellungen gebildet wurden.

Bei so viel ungünstigen Nachrichten für die Börse vermochte selbst der gelungene Start in die Unternehmens-Berichtssaison der USA den Wochentrend nicht mehr ins Positive zu wenden. Immerhin überraschte der Aluminiumkonzern Alcoa, der traditionell die Berichtssaison eröffnet, die Märkte mit besseren Geschäftszahlen für das zweite Quartal als von Analysten prognostiziert. Klar ist, dass die Firmenberichte in den nächsten Wochen in den Fokus der Investoren rücken werden. Dabei dürfte der Ausblick der Unternehmen auf das zweite Halbjahr 2014 und auf 2015 die Kurse stärker bewegen als die Zahlen für das zweite Vierteljahr.

Derzeit liegen die Konsensschätzungen der Analysten für den Anstieg der Ergebnisse je Aktie 2014 bei vier Prozent für den DAX, sechs Prozent für den EURO STOXX 50 und acht Prozent für den S&P 500. 2015 sollen dann die im EURO STOXX 50 notierten Firmen mit einem Gewinnanstieg von 14 Prozent knapp die Nase vor den DAX-Gesellschaften mit 13 Prozent haben, während für die US-Unternehmen des S&P 500 elf Prozent mehr veranschlagt werden.

In der neuen Woche nimmt die Unternehmens-Berichterstattung Fahrt auf, bleibt vorerst aber auf die USA beschränkt. Hier die Liste der Konzerne, die ihr Zahlenwerk für das zweite Quartal vorlegen: Citigroup, JP Morgan Chase, Goldman Sachs, Intel, Johnson & Johnson, Yahoo, ASML, Bank of America, Ebay, Google, IBM, Morgan Stanley, Novartis, SAP und General Electric.

Sollten die Prognosen nach unten revidiert werden wäre eine Fortsetzung des Aufwärtstrends an den Aktienmärkten unwahrscheinlich. Denn die Faktoren, die die Kurse bislang getrieben haben, verlieren an Einfluss: Das KGV vieler Aktien hat ein Niveau erreicht, das oberhalb des langfristigen Durchschnitts liegt; weltweit scheinen die konjunkturellen Frühindikatoren ihren Zenit überschritten zu haben; dass an den Märkten die Risiken der Eurokrise noch kleiner gesehen werden als zuletzt ist unwahrscheinlich. Und: Mit der anhaltenden Einschränkung der Anleihekäufe sowie der näher rückenden ersten Leitzinsanhebung der US-Notenbank Fed werden die Impulse der Geldpolitik geringer.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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