Kolumne: Auf einen Klick

Das nächste Vor-Urteil

Journalisten tun wieder einmal so, als sei ein Ermittlungsverfahren bereits ein Urteil. Da sie immer noch nichts aus den Fällen Edathy und Wulff gelernt haben, hier ein paar Formulierungsvorschläge, die nicht sofort verurteilen

Man würde meinen, die Kollegen hätten etwas gelernt. Hätten die Fehler der Vergangenheit studiert oder auch nur bemerkt und sich unbewusst korrigiert. Aber nein: Wieder wird ein Politiker schuldig gesprochen, auf Basis staatsanwaltlicher Ermittlungen und eines „Bild“-Berichts.
Diesmal geht es um den Innenpolitiker Michael Hartmann. „Drogenverdacht“ schreiben deshalb viele Kollegen in die Überschrift, manche dazu das Wort „schrecklicher“. Dass es eigentlich keinen „unschrecklichen“ gibt, macht ja nichts. Klingt schärfer.

Gegen Hartmann wird ausgelegt, dass gegen ihn ermittelt wird. Dass seine Immunität vom Bundestag aufgehoben wurde. Dass er sofort zurücktrat. In den Berichten klingt das alles so, als ob das bereits klare Zeichen der Schuld seien, eines Eingeständnisses, eines Beweises. Aber soweit ist das Fall nicht. Wer weiß, ob sich die kolportierten Mengen bestätigen. Ob sich irgendwas gerichtsfest beweisen lässt. Hartmann ist bereits schuldig gesprochen worden.

So wie Sebastian Edathy, jener SPD-Politiker, gegen den Kinderporno-Vorwürfe erhoben wurden, der in der halben Welt gesucht wurde und der womöglich nie wieder nach Deutschland zurückkehren kann. Obwohl er bislang weder angeklagt oder gar verurteilt wurde.

So wie Ex-Bundespräsident Christian Wulff, dem von Medien vorgehalten wurde, er habe Beweisunterlagen von einem Aufenthalt in Sylt unterschlagen, schließlich ermittle deswegen die Staatsanwaltschaft und der daraufhin zurücktrat. Obwohl dann aber die Ankläger vor Gericht letztlich scheiterten, der Fall also gar nicht so stimmte wie anfangs von Journalisten kolportiert.

Journalisten sollen und müssen berichten, wenn Politiker – von Bürgern gewählt und dem Gemeinwohl verpflichtet – womöglich gegen das Gesetz verstoßen haben. Doch nicht jeder Verdacht sollte bereits berichtet werden. Kaum einer der Kollegen prüft in solchen Fällen, ob die vier Kriterien, die die Presserechtsprechung aufgestellt hat, jeweils zutreffen:

1.) Ist der Vorwurf tatsächlich schwerwiegend – handelt es sich um eine Straftat? Oder nur um eine Petitesse?
2.) Gibt es einen Mindestbestand an Beweisen?
3.) Werden auch entlastende Argumente ausreichend angeführt?
4.) Wird dem Betroffenen Gelegenheit zur Stellungnahme zu konkreten Vorwürfen gegeben, und wird diese auch angemessen im Bericht berücksichtigt?

Bei den Fällen Hartmann, Edathy Wulff – so unterschiedlich sie auch sein mögen – kann man daran zweifeln, ob alle vier Punkte erfüllt waren. Die Sensibilität für diese Kriterien ist aber offenbar nicht gewachsen. Im Gegenteil: Es werden sogar Zusammenhänge suggeriert. In kaum einer Meldung über Hartmann fehlt der Hinweis, es habe „wieder einen SPD-Innenpolitiker“ erwischt. Was soll das heißen? Dass diese besonders anfällig für Straftaten sind, im Gegensatz etwa zu Steuerpolitikern? Dass die SPD ein Hort von Kriminellen ist? Man weiß es nicht, das muss der Leser/Hörer selbst fantasieren. Aber, so wird dieser sich denken, es muss ja was dran sein, sonst würden es die Journalisten nicht so betonen.

Und so denken Leser und Hörer nunmal auch, wenn sie den Satz hören „Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen…“.

Nun ist der Fakt an sich natürlich weder falsch noch zu verschweigen. Doch so, wie er dasteht, suggeriert er bei vielen eine Schuld des Betroffenen. Staatsanwälte genießen immer noch ein derart hohes Ansehen, so dass man sie irrtümlich für fehlerfrei hält. Außerdem kennt man das ja aus dem Tatort: Wenn gegen jemanden ermittelt wird, hat er bestimmt was getan. Und, nur zur Erinnerung: Die Leser-/Hörer-/Zuschauerschaft besteht aus Leuten, die mehrheitlich auf die Datenspionage der Geheimdienste reagierten mit: „Wer nichts getan hat, hat nichts zu verbergen.“

Der „Die Behörden ermitteln gegen“-Satz sollte daher künftig immer um einen klarstellenden Zusatz ergänzt sein. Einer der deutlich macht, dass dies letztlich nichts zu bedeuten hat.

Zum Beispiel: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen X, aber ob er tatsächlich schuldig ist, muss erst ein Gericht klären.
Oder: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen X, es gibt noch keine bestätigten Beweise.
Oder: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen X, aber das muss sie ja auch, und in vielen Fällen kommt dabei nichts heraus.
Oder: Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen X, aber auch Staatsanwälte machen Fehler.
Oder: Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts Y, es kann aber sein, dass dieser sich nicht bestätigt.

Natürlich, das sind scheinbar Selbstverständlichkeiten. Aber die zweite Hälfte dieser Sätze haben genauso ihre Berechtigung wie die erste Hälfte. Entweder, man veröffentlicht sie beide, oder man lässt beide weg. Soviel Fairness muss sein.

Falk Heunemann, Autor in Berlin, schreibt die IC-Medienkolumne „Auf einen Klick“ jeden Donnerstag.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 7 Bewertungen (5,00 von 5)