Kolumne: Moneytalk

Kommt jetzt die Leitzinswende?

Der DAX überschritt erneut die 10.000-Punkte-Marke, der Dow Jones übertraf erstmals in seiner Geschichte 17.000 Zähler. Getrieben wurden die Kurse auch von der expansiven Geldpolitik der großen Notenbanken. Doch die könnte bald ein Ende haben

Die Europäische Zentralbank (EZB) gab im Rahmen ihrer Juli-Sitzung Details zu den im Juni beschlossenen Maßnahmen bekannt. Dazu gehört der überraschend hohe Betrag von 1.000 Milliarden Euro, den die EZB in den kommenden zwei Jahren für Refinanzierungsgeschäfte der Banken zusätzlich einsetzen will. Banken der Eurozone können sich das Geld bei der Notenbank zu einem festen Zinssatz von 0,25 Prozent leihen, wenn sie ihre Kreditvergabe künftig weniger stark einschränken als bisher. Außerdem betonte EZB-Chef Mario Draghi die Entschlossenheit der Zentralbanker, ein breit angelegtes Anleihe-Kaufprogramm aufzulegen, sollte die Inflation weiterhin unerwünscht niedrig bleiben. Ab 2015 will sich der geldpolitische Rat der EZB zudem nicht mehr alle vier Wochen, sondern nur noch alle sechs Wochen treffen und Protokolle zu den Sitzungen veröffentlichen. Damit passen sich die Währungshüter der Eurozone dem Sitzungsrhythmus der amerikanischen Notenbank Fed an.

Die Fed-Vorsitzende Janet Yellen hat jüngst Ängste zerstreut, sie könnte die geldpolitischen Zügel früher und stärker anziehen als erwartet. Anlässlich einer Rede beim Internationalen Währungsfonds (IWF) erklärte sie, geldpolitische Maßnahmen, insbesondere Zinserhöhungen, seien nicht geeignet, um Risiken für die Stabilität der Finanzmärkte zu bekämpfen. Vielmehr könnte eine Zinspolitik, die darauf ziele, finanzwirtschaftliche Risiken zu verringern, zu höheren Schwankungen bei Inflation und Arbeitslosigkeit führen. Um Risiken auf den Finanzmärkten einzudämmen, müssten vor allem regulatorische Maßnahmen eingesetzt werden, geldpolitische Mittel dagegen erst als letzte Möglichkeit. Yellen argumentiert damit wie EZB-Präsident Draghi, der sich vor wenigen Tagen ebenfalls ablehnend zu Forderungen der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) geäußert hat, den extrem expansiven Kurs der Geldpolitik zu beenden, um Übertreibungen an den Finanzmärkten entgegenzuwirken. Draghi und Yellen haben sich nach Ansicht von Notenbank-Beobachtern mit ihren Bemerkungen einmal mehr als geldpolitische Tauben geoutet.

Insofern überrascht es kaum, wenn die meisten Analysten und Aktienstrategen noch immer davon ausgehen, dass die Fed ihren Leitzins nicht vor Mitte 2015 anheben wird. Allerdings könnte es gut sein, dass die Experten auf dem falschen Fuß erwischt werden und Yellen bald gezwungen ist, doch früher als bisher geplant auf die Bremse zu treten. Denn es sieht ganz so aus, als hätte die Fed die Entwicklung am US-Jobmarkt unterschätzt. Selbst in ihren Juni-Projektionen erwartete sie für das vierte Quartal 2014 eine Arbeitslosenrate zwischen 6,0 und 6,1 Prozent. Offensichtlich steigt die Beschäftigung aber wesentlich stärker und sinkt die Arbeitslosenrate schneller als von Yellen und Co. erwartet. Im Juni gab es jedenfalls erneut einen bärenstarken Arbeitsmarktbericht: Die Zahl der Beschäftigten stieg um 288.000, die Arbeitslosenquote sank von 6,3 auf 6,1 Prozent, im Dezember 2013 lag sie noch bei 6,7 Prozent. Hält der Trend der vergangenen Monate halbwegs an, wird die Arbeitslosigkeit Ende des Jahres klar unter der Sechs-Prozent-Grenze liegen. Die Inflation hat sich von 1,5 Prozent im Dezember auf zuletzt 2,1 Prozent beschleunigt.

Damit dürfte es für die Tauben um Yellen immer schwieriger werden, gegenüber den Falken innerhalb der Fed die anhaltend ultraleichte Geldpolitik zu rechtfertigen. Letztere könnten schon bald ein rascheres Ende der Anleihekäufe und einen schnelleren Anstieg der Leitzinsen fordern – und die Unentschlossenen im geldpolitischen Rat der Fed auf ihre Seite ziehen. Sobald sich ein solches Szenario abzeichnet, dürfte es an den Aktienmärkten zu Turbulenzen kommen, ähnlich denen im vergangenen Jahr, als aus der Fed Andeutungen kamen, den Umfang der Anleihekäufe einzuschränken. Vielleicht wird die Fed schon in der Stellungnahme im Anschluss an ihre nächste Zinssitzung am 30. Juli beginnen, die Märkte verbal auf eine frühere Leitzinserhöhung vorzubereiten.

Das ist vor allem dann gut möglich, wenn die Konjunkturdaten weiterhin positiv ausfallen. Neben den Juni-Zahlen vom Arbeitsmarkt überzeugten vergangene Woche auch wichtige Frühindikatoren. Zwar ging der ISM-Einkaufsmanagerindex für die US-Industrie geringfügig von 55,4 auf 55,3 Punkte zurück, die von den Aktienmärkten am stärksten beachtete Komponente für die Auftragseingänge stieg jedoch kräftig von 56,9 auf 58,9 Zähler. Die Auftragskomponente des Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor konnte von sehr hohem Niveau aus ebenfalls weiter zulegen.

Aus den asiatischen Schwergewichten China und Japan wurden ebenfalls positive Frühindikatoren gemeldet, während der Einkaufsmanagerindex für die Industrie in Euroland leicht nach unten revidiert wurde. Weltweit befindet sich die Konjunktur jedenfalls im Aufwärtstrend, was auch durch den JPMorgan-Global-Manufacturing-Index belegt wird, der bei überproportional verbesserter Auftragseingangs-Komponente von 52,1 auf 52,7 Punkte stieg.

Wurden die Börsen zuletzt vor allem durch die Politik der Notenbanken und die laufenden Konjunkturdaten bewegt, dürfte in den kommenden Wochen zusätzlich die Unternehmens-Berichtssaison für das zweite Quartal die Aktiennotierungen beeinflussen. Am Dienstag startet sie wie üblich mit der Bekanntgabe der Zahlen des US-Aluminiumkonzerns Alcoa. Mit Wells Fargo veröffentlicht zudem der erste Finanzriese sein Quartalsergebnis. In Fahrt kommt die Berichtssaison aber erst nächste Woche, wenn eine größere Zahl amerikanischer Firmen ihre Zahlen vorlegt. Für die im S&P-Index enthaltenen Unternehmen wird laut Bloomberg ein Gewinnwachstum von 5,2 Prozent erwartet. In Europa muss man auf die ersten wichtigen Zahlen noch ein bisschen länger warten. Hier sind die Gewinnerwartungen wegen der wenig berauschenden Konjunkturdaten und einer enttäuschenden Berichtssaison für das erste Quartal bescheiden.

Von der Konjunkturseite steht diese Woche nur wenig Neues an. Börsianer dürften in erster Linie auf die Industrieproduktion und die Exporte Deutschlands blicken. Auf größeres Interesse wird mit Sicherheit das Fed-Protokoll zur FOMC-Sitzung vom 17./18. Juni stoßen, das Mittwoch Abend veröffentlicht wird. Denn in letzter Zeit sind unterschiedliche Vorstellungen von Fed-Mitgliedern in Bezug auf den Zeitpunkt der Leitzinswende bekannt geworden.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

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