Fußball

Der überschätzte Held

Deutschlands Titel bei der Weltmeisterschaft gelang nicht wegen, sondern trotz Bundestrainer Joachim Löw. Weil Formkrisen einzelner Spieler, Verletzungen und späte Einsichten verhinderten, dass er seinen Zauberfußball spielte

Eines sollte klar sein: Deutschland hat am Ende verdient den Weltmeister-Titel geholt, und jeder Trainer, dessen Team solche Leistungen zeigt, verdient Respekt. Also: Glückwunsch, Herr Löw! Dennoch ist er nicht der entscheidende Faktor für den Erfolg gewesen, wie das eigentlich alle Medien – allen voran die unerträglichen Jubelperser von ARD und ZDF – ausgemacht haben. Richtig ist viel eher: Wenn Löw den Fußball gespielt hätte, der ihm vorschwebte, wäre Deutschland vielleicht nicht Weltmeister geworden.

Erinnern wir uns: Löw wollte vor der WM auf spielstarke Mittelfeldspieler wie Marco Reus, Mesut Özil und Mario Götze setzen. Toni Kroos blieb in diesem System oft nur eine Position als defensiver Sechser, wenn er sich nicht sogar neben Sami Khedira oder Bastian Schweinsteiger auf die Bank hätte setzen müssen, dorthin, wo auch Miroslav Klose anfangs saß. Viele kluge Experten, allen voran der Autor dieser Zeilen, forderten schon lange, Toni Kroos auch in der Nationalmannschaft zum zentralen Mittelfeldspieler zu machen, eine Rolle, die er vor allem in seinem Jahr bei Bayer Leverkusen perfekt ausfüllte.

Erst die Verletzung von Marco Reus und die Formkrisen von Özil und Götze führten dazu, dass Löw Kroos zum zentralen Mann machte. Und erst die Verletzung von Mustafi zwang ihn dazu, wieder ins 4-2-3-1-System zu wechseln, mit Lahm als rechten Außenverteidiger und Doppel-Sechs. Dadurch kam das deutsche Team weg von der Verspieltheit, die allzu fahrlässig mit Torchancen umging und enge Spiele im Zweifel verlor. Die Entschlossenheit und das nüchterne Nutzen von offenen Räumen, die letztlich zum Erfolg führten, kamen durch Spieler wie Neuer, Hummels, Lahm, Schweinsteiger, Kroos, Müller und Klose – Spieler, die in ihren Vereinen in den letzten Jahren das Siegen lernten, in der Nationalmannschaft aber – wie Schweinsteiger, Hummels oder Klose – oft nicht die Anerkennung fanden.

Im Finale erlebte Löw dann eine Achterbahnfahrt. Nach dem Ausfall von Khedira und der Verletzung von Kramer rächte sich zunächst, dass Löw Spieler wie Ginter oder Großkreutz im Turnier zuvor nicht gebracht hatte. Mit ihnen hätte er mehr Alternativen gehabt, im Finale konnte er sie schlecht debütieren lassen. So musste er großräumig umstellen: Özil ging wieder ins Zentrum, Kroos auf die Sechs. Zwar spielte Özil sehr ordentlich, dennoch konnte sich Deutschland trotz erwarteter Ballbesitzüberlegenheit kaum Chancen herausspielen. Und Kroos machte ein verhältnismäßig schwaches Spiel.

Am Ende bedurfte es gegen abgearbeitete Argentinier einer Einzelaktion von André Schürrle und eines technisch sauberen Abschlusses von Löw-Liebling Mario Götze. Gerade mit diesen beiden Einwechslungen hat Löw am Ende alles richtig gemacht – und darf sich feiern lassen. Natürlich zu Recht. Dass vorher auch beim Trainer nicht alles rund lief, wird alsbald vergessen sein, muss aber trotzdem nochmal gesagt werden. Es macht ja sonst niemand. Den WM-Sieg verdankt Deutschland viel eher dem Bayern-Gen um Lahm und Schweinsteiger als der Trainerschule von Joachim Löw und Hansi Flick.

Stefan Tillmann schrieb an dieser Stelle vor Wochen, warum ihn das DFB-Team nervt. Im Laufe des Teams wurde doch wieder zum Fan, fast so wie 1990, als er im San Siro beim Spiel gegen Kolumbien dabei war.

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