Kolumne: Ach Berlin

Schaut auf diese Brache!

Auf der Cuvrybrache wollte das BMW Guggenheim Lab einst über Stadtentwicklung reden – und wurde vertrieben. Inzwischen ist die Ecke mitten in der Stadt zu einer Berliner Favela verkommen, auf der kleine Kinder in Zuständen leben, die keiner dulden sollte

Das mit der Stadtentwicklung ist nicht so einfach, wie man meinen möge, zumal in Berlin, wo die Bürger sich ziemlich uneins sind, ob die Stadt überhaupt entwickelt werden soll. Ein Grundstück an der Spree in Kreuzberg zeigt gerade auf abenteuerliche Weise, welche Blüten die falsche oder eine fehlende Stadtentwicklungspolitik treiben kann: die so genannte Cuvrybrache.

Vor zwei Jahren wollte das Guggenheim Lab hier für ein paar Wochen – oder waren es Tage? – seine Zelte aufschlagen und über die Zukunft des Stadtlebens diskutieren. Linke Aktivisten witterten das Großkapital im Anflug und verhinderten das Lab mit allerlei Protesten und Drohungen. Heute herrschen auf dem fußballfeldgroßen Areal absurde Zustände. Obdachlose, Junkies, Punks und Romafamilien hausen dort, und zwar in kleinen Bretterbuden, die sie so aufgereiht haben, dass sich sogar kleine Straßen bilden. Überall liegen Müllberge, die die Bewohner ab und zu auf die Schlesische Straße kippen.

Die Cuvrybrache erinnert eher an eine Favela als jenes vermeintliche Problemviertel, das aufgeregte ARD- und ZDF-Reporter in den vergangenen Woche in Rio de Janeiro und Sao Paulo betreten haben. Man könnte das alles lustig finden, zumal nebenan die Schlesische Straße verläuft, die in den vergangenen Jahren eine extreme Anziehungskraft für junge Touristen und Immobilienmakler entwickelt hat. Man könnte das auch politisch begrüßen, als eine lebenswertere Alternative für Obdachlose und Junkies im Vergleich zu Hausfluren und Brücken.

Doch so leicht ist das natürlich nicht. Schließlich hausen dort auch viele Kinder, viele davon schulpflichtig. Die Brache ist also längst ein Fall fürs Jugendamt. Doch es ist zu befürchten, dass Monika Herrmann, die grüne Bezirksbürgermeisterin, dort nichts unternehmen will, weil nach einer Räumung sofort die Immobilienfirmen anklopfen werden. Eine passende Lösung für diese Probleme hätte man ja diskutieren können, auf einem Lab beispielsweise. Doch diese erste Chance wurde kläglich vertan.

Stefan Tillmann, Mitgründer des Opinion Clubs und Redaktionsleiter beim Stadtmagazin zitty, wusste beim Spaziergang über die Brache nicht, wohin er seine leere Coladose werfen soll. Müllberge gab es viele, Mülleimer nicht.

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