Kolumne: Grenzgänger

Wir Klischee-Maschinen

Journalisten produzieren – oft unbewusst und ohne böse Absicht – Negativ-Bilder über Sinti und Roma. Ein bisschen mehr Selbstreflexion täte uns gut. Ein kleiner Anfang…

Jetzt mal im Ernst: Wie viele Sinti und Roma kennen Sie persönlich? Mit wie vielen waren Sie zuletzt abends im Restaurant zum Essen verabredet, mit wie vielen haben Sie geplaudert? Ich muss zugeben: Obwohl ich mich für die Themen Integration und Einwanderung stark interessiere, und obwohl ich viele Migranten kenne, Studien lese und Interviews führe, habe ich keinerlei Kontakte zu Sinti und Roma. Ich kenne keinen einzigen, weiß nichts über eine einzelne Lebensgeschichte, und ich tappe weitgehend im Dunkeln, was reale Zahlen und Fakten angeht, die Aufschluss über ihr Leben geben könnten. Ich weiß nur das, was mir Zeitungen und Fernsehsender zum Thema bieten. Und das sind zu einem Großteil auch nur die Klischees aus den Köpfen ihrer Redakteure.

Also bin ich reich an Klischees, obwohl ich mich dagegen wehre. Sobald ich von Sinti und Roma höre, schleichen sich Bilder in meinen Kopf, von Straßenmusikern, die mit Akkordeon und Gitarre durch die Großstadtgassen ziehen, von Mädchen, die an Ampeln meine Autowindschutzscheibe gegen meinen Willen putzen, und von Einbruchsdelikten, die von ominösen südeuropäischen Banden begangen werden. Klauen, umherziehendes Volk, Musik – die ganze Klischeekiste eben.

Manches mag davon stimmen, anderes wiederum nicht. Wie immer, wenn Individuen eine Gruppen-Bezeichnung übergestülpt wird (sei es „Migrant“ oder „Sinti“ oder „Atheist“ oder „Muslim“ oder „Konservativer“ oder „Linker“), lassen sich allerlei Klischees und Beschreibungen auf die Einzelperson abladen. Der Wahrheitsgehalt ist dann weitgehend schnuppe.

Es ist schon schlimm genug, wenn normale Bürger sich ihr Weltbild auf diese Art und Weise zusammen zimmern, ohne sich die Mühe zu machen, mal darüber nachzudenken, ob die Bilder im Kopf eigentlich etwas mit der Realität gemein haben. Tausende, Hunderttausende, Millionen von Menschen verhalten sich tagtäglich so in ihrer Schwarz-Weiß-Mentalität, ein Phänomen, das man derzeit wieder bei den Demonstrationen pro oder contra Israel beziehungsweise pro oder contra Palästinenser beobachten kann. Es ist ja auch so schön einfach, die Komplexität der Welt auf ein Minimum zu reduzieren, indem man die Schattierungen und Graubereiche der Realität einfach streicht.

Unverzeihlich aber wird es, wenn sich jene, die von Berufs wegen eigentlich aufklären sollten, selbst immer wieder Opfer ihrer Klischees werden: die Journalisten. Dass sie es werden, ist dabei nur die halbe Crux. Noch schlimmer ist, wenn sie sich noch nicht einmal bemühen, zu differenzieren und ihre eigenen Stereotype zu hinterfragen.

Ich gehöre manchmal auch dazu – und ich fühle mich mitschuldig daran, gelegentlich an den immer gleichen „Zigeuner“-Stereotypen in den Medien mitzuarbeiten. Zum Beispiel, wenn beim Internationalen Roma-Tag in der Zeitung ein Symbolbild gezeigt wird, das man mühelos auch über einen Artikel über Verwahrlosung und städtische Mülldeponien platzieren könnte. Oder wenn Einbruchsopfer unwidersprochen – und kaum hinterfragt – in einem Artikel oder in einer Sendung berichten können, dass „natürlich die Täter aus Südeuropa“ kommen. Das Mindeste wäre doch, nach Beweisen für die Behauptung zu fragen. Und falls diese nicht geliefert werden, dann von der Berichterstattung abzusehen – oder entsprechend kritisch einzuordnen.

Dass viele andere Journalisten auch nicht besser sind, ist kein Trost: Die ZDF-Seite heute.de etwa titelte im Juni 2013 zum Stichwort „Armutszuwanderung“: „Es kommen nicht nur Roma – es kommen auch Akademiker“. Klar, was hier mitschwingt: Roma könnten demnach wohl grundsätzlich keine Akademiker sein. Dass viele Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien, darunter Sinti und Roma, hingegen ziemlich gut qualifiziert sind? Fehlanzeige. Passt nicht ins Bild. Liegt mit den eigenen Klischees überkreuz. In der Psychologie spricht man von „kognitiver Dissonanz“. Und Dissonanzen mag der Mensch nun mal nicht so gern – frei nach dem Motto „Was nicht passt, wird passend gemacht“. Also wird munter so berichtet, als seien die eigenen oft unbewussten Überzeugungen die besten Recherchequellen.

Viele weitere Beispiele finden sich in der Studie „Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit“, die vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in Auftrag gegeben und vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde. Sicher, die Vereinigung hat ihre Interessen, die eine Studienausrichtung mitbestimmen können. Aber vielleicht reagieren wir Journalisten nicht gleich wieder mit reflexhafter Abwehr, sondern hören mal kurz zu: Die Macher der Studie werfen den deutschen Journalisten ja nicht unbedingt böse Absichten vor. Bestehende Vorurteile und negative „Zigeuner“-Bilder würden häufig unbewusst und ungewollt reproduziert, so der Tenor. „Eine Schlussfolgerung für Medienschaffende könnte lauten, eventuelle Kritik nicht reflexhaft abzutun, beiseite zu schieben oder gar als übertriebene political correctness zu denunzieren, sondern als Gelegenheit zu Reflexion und Selbstreflexion zu begreifen, die einen Lern- und Sensibilisierungsprozess in Gang setzen kann“, so der Wunsch der Verfasser.

Das wäre tatsächlich wünschenswert. Solange allerdings in der Gesellschaft und der Politik antiziganistische Klischees mehrheitsfähig sind, so lange werden sich Journalisten – eine Spezies, die nur bedingt zu Selbstkritik fähig ist -, hinter angeblichen Mehrheitsmeinungen verstecken. Weil sie Auflagen bringen und Quoten steigern. Und nebenbei eben unbewusst in unseren Köpfen stecken.

Viel zu selten reflektieren Journalisten ihre eigenen Sozialisierungen und Überzeugungen, die in der Kindheit, in ihren Elternhäusern und Peer-Groups angelegt wurden. Wissenschaftler, vor allem Geisteswissenschaftler, werden im Gegensatz dazu angehalten, ihre eigenen Suggestivansätze zu ergründen und sich zunächst selbst zu fragen, warum man so fragt wie man fragt. Dabei stelle ich gerne in Rechnung, dass es ab und zu dann doch sehr gut gelingt, in Redaktionskonferenzen kritisch zu diskutieren, ob die Ausrichtung der Sendung X oder der Tageszeitungseite Y in die eine oder lieber doch in die andere Richtung gehen sollte. Ich erlebe es immer wieder, dass auf ein mögliches politisches Thema sogar verzichtet wird, weil es nur Klischees in den Köpfen der Konsumenten ansprechen würde. Und gegen Klischees und emotionale Bilder ist kaum anzukommen – und erst recht nur selten mit Faktenaufklärung.

Dass Journalisten hierfür stärker sensibilisiert werden müssen, erst recht zu Beginn ihrer Laufbahnen auf den Journalistenschulen, liegt auf der Hand: Während rechtsextreme und ausländerfeindliche Einstellungen insgesamt eher zurückgegangen sind, hat die Ablehnung gegenüber einzelnen Gruppen wie Sinti und Roma in der Bevölkerung zuletzt stark zugenommen. Die Klischees in den Köpfen der Redakteure sind daran beträchtlich mitschuldig. Klischees aber sind gemacht, und sie müssen nicht ewig währen. Vielleicht sollten wir alle mehr Mut haben, individuelle Geschichten zu erzählen statt immer nur über vermeintliche Gruppen zu schreiben und zu senden. Das muss in Redaktionen aber auch gewollt sein.

Martin Benninghoff, Journalist in Berlin, ist Co-Autor des Buches „Aufstand der Kopftuchmädchen“, das sich mit der Reform des Islam und der Integration in Europa beschäftigt. Seine OC-Kolumne „Grenzgänger“ erscheint jeden zweiten Mittwoch.

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