Kolumne: Moneytalk

Angst wird zum Konjunkturkiller

Sommer in Deutschland 2014: Eben schien noch die Sonne, da gießt es plötzlich wie aus Kübeln, zehn Minuten später reißt die Wolkendecke wieder auf. Kaum hat man den Regenschirm weggepackt, fängt es wieder zu tröpfeln an. Ähnlich launisch präsentiert sich im August der Aktienmarkt

Da sinkt der DAX unter die 9.000-Punkte-Marke, erholt sich vergangene Woche bis Freitagnachmittag auf über 9.300 Zähler, um dann binnen Minuten wieder um rund 200 Punkte abzusacken. Auslöser dieses Kurssturzes war die Meldung, dass das ukrainische Militär in der Ostukraine einen bewaffneten russischen Konvoi angegriffen und dabei mehrere gepanzerte Fahrzeuge zerstört hätte.

Es ist nicht zu übersehen, dass an der Börse derzeit Angst und Unsicherheit regieren. Da ist vor allem die Furcht, dass der Ukraine-Russland-Konflikt weiter eskaliert und sich die Sanktionsspirale weiterdreht. Ökonomen und Unternehmer warnen, dass dies in den EU-Staaten und natürlich auch in Deutschland zu empfindlichen Wachstumseinbußen führen könnte – und in der Folge zu sinkenden Unternehmensumsätzen und –gewinnen.

Skeptiker befürchten, dass diese Wachstumseinbußen bewirken könnten, dass die Eurozone dieses Jahr sogar in die Rezession rutscht. Sieht man sich die jüngst veröffentlichten Zahlen für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone beziehungsweise der Euro-Staaten für das zweite Quartal 2014 an, scheint diese Befürchtung durchaus gerechtfertigt. Denn das BIP Eurolands stagnierte gegenüber dem ersten Vierteljahr. Für Enttäuschung sorgten vor allem die Daten für die drei Schwergewichte des gemeinsamen Währungsraums.

So sank die Wirtschaftsleistung Deutschlands, der größten Volkswirtschaft der Eurozone, um 0,2 Prozent, während Volkswirte eine Rate von 0,0 vorausgesagt hatten. Genau die wurde für Frankreich gemeldet, die Nummer zwei im Euro-Gebiet. Mit Stagnation wären die Italiener vermutlich zufrieden gewesen, doch sie eiferten den Deutschen nach und erwirtschafteten ebenfalls ein Minus von 0,2 Prozent. Das bedeutet nach dem Rückgang von 0,1 Prozent in den ersten drei Monaten dieses Jahres, dass sich die drittgrößte Euro-Volkswirtschaft in der Rezession befindet.

Also trübe Aussichten für die Eurozone – und Anlass für die Börsianer, Trübsal zu blasen? Tatsache ist, dass viele Anleger die Flucht in sichere Häfen angetreten haben und die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen erstmals unter die magische Grenze von 1,0 Prozent getrieben haben. 1,0 Prozent, das ist auch die Inflationsrate, die für 2014 in Deutschland erwartet wird. Das bedeutet, dass sich die Käufer der Bundesanleihen mit einer „stattlichen“ realen Rendite von 0,0 Prozent zufrieden geben.

Möglicherweise hat die Investoren die Furcht erfasst, dass Euroland bald von der „japanischen Krankheit“ befallen wird, also von jahrelanger Deflation und Wachstumsschwäche. Mit der stagnierenden Wirtschaft im Frühjahr und der mit 0,4 Prozent niedrigsten Inflationsrate seit fast fünf Jahren ist die Eurozone von einem solchen Szenario zumindest im Moment nicht weit entfernt. Das dürfte auch die Herren in den oberen Etagen der Europäischen Zentralbank (EZB) nervös machen. Genau dies ist aber wohl auch der Grund, warum sich an den Aktienmärkten vorerst auch kein klarer Abwärtstrend durchsetzt. Denn EZB-Präsident Mario Draghi und seine Mitstreiter haben längst angedeutet, dass sie im Notfall die ganz große Keule auspacken werden. Das heißt: Sollte sich die Preissteigerungsrate noch weiter Richtung Null nähern, wird die EZB mit großer Wahrscheinlichkeit Staatsanleihen der Eurostaaten aufkaufen, um noch mehr Liquidität in das Bankensystem zu pumpen und die Zinsen noch weiter nach unten zu drücken. Offene Geldhähne und niedrige Zinsen sind in den vergangenen Jahren an der Börse ja gut angekommen. Daher die Hoffnung, dass das auch in Zukunft so bleibt.

Während die US-Notenbank Fed ihr Quantitative-Easing-Programm (QE) im Herbst auslaufen lässt, startet die EZB ihres möglicherweise just zu diesem Zeitpunkt. Anleger können in diesem Zusammenhang zumindest die Hoffnung hegen, dass Euroland mit dieser Geldpolitik ein Abgleiten der Wirtschaft in japanische Verhältnisse erspart bleibt. Denn in den USA hat die Medizin der Fed offensichtlich gewirkt. Jedenfalls ist die amerikanische Wirtschaft zuletzt kräftig gewachsen; für dieses Jahr rechnen Konjunkturexperten mit einem BIP-Anstieg von zwei Prozent, für 2015 von drei Prozent.

Eine Garantie, dass ultraleichte Geldpolitik eine kräftig wachsende Wirtschaft nach sich zieht, gibt es allerdings nicht. Das zeigt eben das Beispiel Japan. Dort betreibt die Bank von Japan schon seit einer gefühlten Ewigkeit eine Nullzins-Politik und überschüttet die Wirtschaft mit Geld. Doch dynamisches Wachstum kam dabei nicht heraus, eher eine Art „Wellblech-Konjunktur“ – mal ein bisschen rauf, mal ein bisschen runter.

Vielleicht muss man aber auch gar nicht so schwarz sehen, und Draghi kann die große QE-Keule im Sack lassen. Denn es gibt durchaus Hoffnung, dass sich die Konjunktur in Euroland auch ohne zusätzliche EZB-Hilfe berappelt. Zwar haben die großen Drei – Deutschland, Frankreich und Italien – enttäuscht. Aber erstens war die Enttäuschung für Deutschland programmiert, da das Wachstum im ersten Quartal wegen des ungewöhnlich milden Winters nach oben überzeichnet und für das Folgequartal mit einer Gegenreaktion zu rechnen war. Es gilt als ausgemacht, dass das BIP hier zu Lande im dritten Quartal wieder zulegen wird.

Zweitens hat Italiens Regierung Reformen eingeleitet, die die Wachstumsperspektiven verbessern. Reformen, zum Beispiel am Arbeitsmarkt, wirken halt nicht von heute auf morgen, sondern brauchen Zeit. Drittens sind die bisherigen Krisenstaaten Spanien und Portugal im Frühjahr stärker gewachsen als erwartet, und sogar in Griechenland gibt es ermutigende Signale. Einzig Frankreich scheint nicht in die Gänge zu kommen.

Drittens ist die Stimmung in den Unternehmen im Moment schlechter als die Lage. Das ist primär auf die die Krise in der Ukraine zurückzuführen. Solange die sich nicht entspannt, dominiert in den Chefetagen Unsicherheit über künftige Geschäfte mit Russland. Deshalb ist kurzfristig keine Verbesserung bei Stimmungsindikatoren wie dem ifo-Geschäftsklima oder den diversen Einkaufsmanager-Indizes zu erwarten. Deshalb wird sicherlich auch die eine oder andere Investition auf Eis gelegt.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Zeichnet sich eine vernünftige friedliche Lösung des Konflikts ab, könnte sich die Stimmung in den Firmen rasch wieder verbessern und der Konjunktur neuen Schwung verleihen. Immerhin hat Russlands Präsident Wladimir Putin vor wenigen Tagen bei seinem Besuch auf der Krim betont, alles in seiner Macht stehende tun zu wollen, damit der Konflikt beendet werde. Jetzt muss er seinen Worten nur noch Taten folgen lassen.

Ludwig Heinz, Autor in München, schreibt die OC-Finanzkolumne „Moneytalk“ jeden Dienstag.

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 9 Bewertungen (4,78 von 5)