Kolumne: Mein Held der Woche

Banzai, Wolfgang Büchner!

Der aktuelle Chefredakteur des Magazins „Der Spiegel“ hat sich verdient gemacht – als Förderer der japanischen Kultur in Deutschland

Wenn Medienmenschen über andere Medienmenschen berichten, dann ist das für Nicht-Medienmenschen in der Regel öde. Sie kennen die handelnden Personen nicht, nicht die Zusammenhänge – und vor allem interessiert es sie nicht. Warum sollte es auch? Und die Medienmenschen wundern sich dann, weshalb sie so schlechte Verkaufs- oder Klickzahlen oder Einschaltquoten haben.

Wir wissen selbstverständlich von diesem Phänomen. Es muss den Leser auch massiv langweilen, dieses ganze Mediengesuhle. Letzte Woche der Chefredakteurs-Kick beim „Stern“, diese Woche die Querelen beim „Spiegel“ und in den nächsten Wochen wahrscheinlich das Chef-Kegeln bei diesem Münchner Magazin.

Wenn wir nun über Wolfgang Büchner schreiben, dann definitiv nicht in seiner Eigenschaft als Chef des „Spiegel“. Sondern, weil er sich diese Woche als massiver Förderer der japanischen Kultur hervorgetan hat.

Japan ist schwer angesagt. Sushi hat wohl jeder schon einmal beim Asia-Mann bestellt, die Kids lesen Manga, die Erwachsenen Hentai, und eine ökologisch-korrekte Hybrid-Reisschüssel gehört nun einmal in jeden Carport. Und jetzt bereichert Büchner unsere Japanphilie auch noch um das Gyokusai.

Die letzte Handgranate

Kleiner Exkurs für die noch nicht ganz so Japanophilen: Gyokusai nennt man jene Variante des aussichtslosen Sturmangriffs, bei dem die Angreifer die letzte Handgranate für sich selber aufheben. Erstmals aufgeführt wurde diese Form des kollektiven Haraki 1943 auf der Aleuten-Insel Attu.

Büchner ist in seiner Redaktion nicht sonderlich gelitten, hört man. Sogar noch ein bisschen weniger als Chefs im Allgemeinen, die so gut wie nie gelitten sind. Vor ein paar Wochen erschien eine Delegation der Ressortleiter beim Verlagschef und erklärte, mit Büchner gehe es einfach nicht mehr. Das nennt der Seemann Meuterei (der japanische Begriff ist uns gerade entfallen).

Der Kapitän hat nun zurückgemeutert. Alle Ressortleiter, so sein jüngster Ukas, müssten sich auf ihre Stelle neu bewerben. Und außerdem sollten sie künftig sowohl für das Heft als auch für Online verantwortlich sein.

Ersteres ist definitiv eine Retourkutsche, letzteres zumindest schwierig. Bei Tageszeitungen sollte es Standard sein, dass ein Ressortleiter sowohl die Berichterstattung im Blatt als auch online verantwortet. Aber bei einem Wochenmagazin?

Eierlegende Wollmilchsäue – bitte bewerben!

Das hieße, dass künftige „Spiegel“-Ressortleiter einerseits minutenaktuell denken, ein Händchen für Infografiken wie Videoclips haben müssen. Und gleichzeitig in langen Linien denken, in hintergründigen Geschichten und in tiefen Recherchen, sich also mit eben jenen Dingen befassen, die die „Spiegel“-Lektüre immer noch lohnenswert machen. Eierlegende Wollmilchsäue sollten sich schleunigst beim „Spiegel“ als Ressortleiter bewerben.

Jeder Chefredakteur in Deutschland kann solche Sachen einfach anordnen – nur eben der Chef des „Spiegel“ nicht. Denn der Verlag gehört zur Hälfte seinen Mitarbeitern, und die sind nun einmal nicht zufrieden mit dem Chef und finden grundsätzlich doof, was der so macht. Und haben die allerbesten Möglichkeiten, ihn auflaufen zu lassen. Bis hin zum finalen Abtritt.

Büchner kann sich die offene Meuterei in der Redaktion nicht bieten lassen. Also setzt er zum Sturmangriff an, die letzte Handgranate in der Hand für den Fall, dass die Attacke schief geht. Gyokusai eben. Und so lernen wir dank seiner ein weiteres Stück der vielfältigen japanischen Kultur kennen. Mata-ne.

Andreas Theyssen, Autor in Berlin, schreibt die OC-Kolumne „Mein Held der Woche“ jeden Freitag.

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